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TV-Kritik: "Tatort Internet":Weniger der Sache, als bestimmten Interessen verpflichtet

Es ist genau dieser Effekt der Entlarvung der Täter aus der Mitte der Gesellschaft, der hinter To catch a predator steckt und der auch bei den Zuschauern von Tatort Internet starke Emotionen weckt. Doch weil jeder Schnitt, jede Aussage der zu Rate gezogenen Experten, jeder Takt der theatralischen Musikunterlegung nur auf diesen Effekt zielt, wirkt alles falsch, gewollt, kurz: wie eine RTL2-Dokumentation zu einem Thema, zu dem es besser keine RTL2-Dokumentationen geben sollte.

Da liest Krafft-Schöning aus den widerlichen Chatprotokollen vor und schießt eine Frage nach der anderen auf den Predator ab: "Was würden Sie sagen, wenn ich mit Ihren Kindern so reden würde?", "Was würde Ihre Frau sagen, wenn Sie das erfahren würde?", "Sie finden das normal, als 20-Jähriger mit einer 13-Jährigen sexuelle Gespräche im Internet zu führen?".

Um Antworten, so ahnt der Zuschauer, geht es hier längst nicht mehr.

Da erklärt ein Psychologe: "Was der Mann im Hotelzimmer vorhatte, darüber können wir nur spekulieren" - und tut dies dann auch ausführlich. Da agiert Hamburgs ehemaliger Innensenator Udo Nagel, eigentlich als Moderator vorgesehen, zwischen den Beiträgen als Stichwortgeber für die Studio-Expertin Stephanie zu Guttenberg. Das vom Fernsehteam gedrehte Video reicht der Polizei nicht für einen Anfangsverdacht, ärgerlich. Mit Webcams können Pädophile direkt ins Kinderzimmer spähen, gefährlich. Deutschland braucht schärfere Gesetze, sicherlich.

Vielleicht könnte man über manche der Argumente und Forderungen sogar diskutieren, doch Tatort Internet wirkt nicht, als wäre eine solche Debatte erwünscht. Das ist kein Wunder: Zu Guttenberg, Gattin des christsozialen Verteidigungsministers Karl-Theodor, ist Präsidentin des Vereins Innocence in Danger, der sich für härtere Gesetze im Zusammenhang mit dem Tatort Internet ausspricht.

Auch die Journalistin Krafft-Schöning, Mittelpunkt des investigativen Teils des Formats, steht einer Anti-Missbrauchsinitiative vor, die klare Ansagen macht. Auf der Homepage von KidsNet plädiert sie unter anderem für ein öffentliches Register von Sexualstraftätern und bezeichnet die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Sicherheitsverwahrung von Serientätern als "Menschenexperiment".

So wirkt die Sendung weniger der Sache, als bestimmten Interessen verpflichtet - und scheitert damit als investigatives Experiment. Das ist nichts Außergewöhnliches: Beim sensiblen Thema Kindsmissbrauch schmerzt dieses Versagen allerdings besonders stark.

SZ-Autor Johannes Boie hat sich in seinem Blog mit dem Thema auseinandergesetzt. Seinen Beitrag lesen Sie hier.

© sueddeutsche.de/berr/odg
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