TV-Kritik: Solitary Sonya Kraus muss weh tun

Privatfernsehen im Härtetest, Pro Sieben als Sadomaso-Sender: Halbprominente lassen sich in "Solitary" quälen. Sonya Kraus geleitet in den Kerker.

Eine kleine Nachtkritik von Alexander Kissler

Auch wenn der Titan aus Tötensen gerade keine Sänger sucht, gilt das erste Gesetz nach Bohlen. Es kommt immer zu seinem Recht, wenn das Privatfernsehen unterhalten will. Es lautet, ausgesprochen von Dieter Bohlen anno 2009: "Das Leben ist hart, und ich schwör's euch, diese Show ist härter."

"Nur die Harten kommen in den Garten": Solitary funktioniert nach Dieter Bohlens Motto.

(Foto: online.sdemedien)

Die konkurrierenden Kandidaten, heißt das, müssen Härte zeigen gegen sich und die anderen. Den Harten winke der Erfolg, "nur die Harten kommen in den Garten". Als Verhaltenslehre der Kälte, als Kurse in angewandter Rücksichtslosigkeit wollen die Veranstalter ihr Showprogramm verstanden wissen. Insofern ist Solitary, der von Pro Sieben eingedeutschte USA-Import, die perfekte Aufgipfelung solch drakonischer Selbstzurichtung.

Hier sollen neun Prominente neun Tage lang "schwitzen, zusammenbrechen, durchdrehen", damit am Ende einer den Fantasietitel Solitary Superchampion gewinnt.

Solitary ist eine Quälerei im Stil der Zeit. Die Single-Gesellschaft gebiert ihre Antihelden, der Konkurrenzkampf seine Ellenbogengeschöpfe, die sich selbst zum Feind erklären. Jede der bestenfalls halbprominenten TV-Gestalten verbringt die Zeit der Prüfungen in einer achteckigen, acht Quadratmeter kleinen Wabe - ohne Tageslicht, ohne Kontakt zur Außenwelt oder zum Nebenmann. Das Privatfernsehen entdeckt die Zelle, das kleinste gefängnis der Kreativität.

Damit es die, wie genretypisch geraunt wird, "härteste Herausforderung ihres Lebens" wird, ist Isolationshaft unabdingbar.

Außerdem warten die Veranstalter mit einer gepflegten Schlaffolter auf. Alle halbe Stunde durchreißt die monoton aneinander montierte Liedzeile "I've been looking for freedom" die künstliche Stille. Um David Hasselhoffs Knödelei zu stoppen, müssen die übermüdeten Probanden einen Mal um Mal länger werdenden Zahlencode eingeben. "Der Schlafentzug", hören wir derweil von einer sehr weiblichen Stimme, "beeinflusst Stimmung, Denkfähigkeit und Konzentration meiner Gäste."

Der klinische Blick

Der klinische Blick ist das Markenzeichen jener Stimme namens Alice, die von sich behauptet: "Alle Entscheidungen übernehme ich. Ich bin eure einzige Gefährtin, euer einziger Freund." Alice soll die Stimme eines Computers sein, des fiktiven Herrschers über diese fiktive, über "meine Welt". Alice fragt das Playmate, die Moderatorin, den Profiwrestler, den Mr. Germany, den Castingshow-Gewinner und die vier weiteren Teilnehmer nach ihrem Beruf und teilt ihnen die Aufgaben zu.

In der ersten Folge sahen wir die Probanden, die nach Art eines Menschenversuchs vorgeführt werden, schwitzen und gähnen. Sie mussten Liegestütze machen, Kniebeugen, den Hampelmann, springen und klatschen. Das Zusammenbrechen und Durchdrehen werden die weiteren Folgen liefern. Ein kurzer Zusammenschnitt lässt Freudenfeste für Sadisten erwarten. Demnach darf der Fernsehkonsument sich bald an übel zugerichteten Promifüßen, hochroten Köpfen, schweißnassen Oberkörpern, an Schreien und Tränen und Flüchen sonder Zahl delektieren.

Und wozu das Ganze? Die Anstrengung soll schrittweise erhöht werden, bis wahr wird, was Alice, die Frau ohne Gesicht und ohne Körper, gurrend zusichert: "Jeder von euch wird aufgeben" - und Aufgeben meint in dieser hermetischen Welt das Drücken des roten Knopfes, das Winseln um Gnade, die komplette Kapitulation.

Wird sich zuerst das "verschmuste Kraftpaket" verabschieden oder der "charmante Rockstar" oder aber das "unterschätzte Naivchen"? Wie stets weisen die Untertitel den Probanden ein Rollenfach zu, selbst wenn diese im Gespräch gerade das Gegenteil versicherten. Tut nichts, das Klischee wird verwandt.

Neben der Stimme ohne Unterleib ist auch die Dompteuse weiblichen Geschlechts. Sonya Kraus darf die offenbar recht verzweifelt um Bekanntheit ringenden TV-Darsteller in ihre Kerker geleiten. Außerdem erzählt sie zwischen den Prüfungen, wie ungeheuer hart und herausfordernd dieser "Kampf Mensch gegen sich selbst" doch sei. Niemand der oft kriechenden, liegenden, sich verbiegenden Kreaturen weiß schließlich, ob sein Verzweiflungsgriff nach dem roten Knopf ihn wirklich aus der Runde katapultiert: Nur der jeweils erste, der aufgibt, muss die winzige Wabe und damit die Show verlassen.

Plakative Orwell-Anleihen

Die Versuchsanordnung mit ihren plakativen Anleihen bei George Orwell - "ununterbrochen habe ich euch beobachtet" (Alice) - sorgt für Trash-TV der rüderen Art. Neun Menschen lassen sich als Versuchskaninchen herzeigen. Sie unterwerfen sich dem Fernsehen als einer Instanz, die richtet und verwirft, anordnet und rügt, zurichtet und lobt. Vielleicht hatten sie dabei ihren Spaß, doch ein Spaß ist es, der nach Lüge und Kotau schmeckt.

Übrigens heißt der keineswegs unsympathische Kandidat Nummer 2 Martin Kesici. Er gewann 2003 die Casting-Show Star Search, ebenfalls veranstaltet von der Pro Sieben/Sat.1-Sendergruppe. Der Siegertitel Angel of Berlin verkaufte sich blendend. Danach schrieb Kesici ein Buch über "die Machenschaften der Medienwelt". Er kritisierte "diese verlogene Show aus Pappe", hatte aber auch erkannt: "Das Fernsehen kann ein gutes Mittel sein, um für sich Werbung zu machen."

Ja, so ist es. Auch wenn es wehtut.