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TV-Kritik: "Raab" und "Supertalent":Menschelnder Marathon

Bei "Schlag den Raab" verdirbt der entspannte Wunderknubbel-Kandidat Heiko dem Moderator die Laune, RTLs "Supertalent" enttäuscht die sueddeutsche.de-Nutzer beim Facebook-Fernsehabend. Zuschauer und Redaktion: Zu viele Tränen, zu viel Pathos.

Vorweihnachtlicher Spendenmarathon? Vorweihnachtlicher Sendemarathon: Am letzten Samstagabend vor den Feiertagen schicken RTL und Pro Sieben ihre Langstreckenformate "Das Supertalent" und "Schlag den Raab" in die Spur. Auch dieses Mal ist die Ausdauer der Zuschauer gefordert: Als die Gewinner der Sendungen feststehen, ist es längst weit nach Mitternacht.

Auch für sueddeutsche.de ist dieser Fernsehabend ein besonderer: In einer Live-TV-Kritik verfolgt ein Teil der Redaktion die Sendungen gemeinsam mit den Nutzern auf der eigenen Facebook-Seite.

Dieses Experiment trägt den Möglichkeiten des Mitmach-Webs Rechnung: Der Unterhaltungswert eines Fernsehabends zeigt sich durch das Internet inzwischen im Wortsinn. Längst finden sich in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook Nutzer zusammen, um über das Geschehen auf dem Bildschirm zu diskutieren. Bereits bei der Ankündigung von sueddeutsche.de hatte es eine Debatte darüber gegeben, ob Bohlen und Raab angemessene Betrachtungsobjekte sein würden.

In der Praxis stellt den Autor dieser Zeilen vor allem das Multitasking vor Probleme: Zwei Sendungen verfolgen und dazu gleichzeitig Kommentare abzugeben ist schwer genug, nun verrät auch noch kurz nach 20:15 Uhr die Nutzerin Jana, dass im MDR eine Wiederholung von "Das Adventsfest der 100.000 Lichter" mit Florian Silbereisen zu sehen ist. Haben wir uns für die falschen Sendungen entschieden? Beim Zapping verschwimmen die Welten: Tritt nun Silbereisen gegen Stefan Raab an und taucht dafür der Raab-Kandidat Heiko bei Bohlens Supertalent auf?

Sollte der Facebook-Mikrokosmos ein Abbild der deutschen TV-Gewohnheiten sein, ist an diesem Abend "Schlag den Raab" der klare Sieger: Kandidat Heiko (von einigen Nutzern ob leichter Beleibtheit liebevoll "Kampfknubbel" genannt) zieht nicht nur Sympathien auf sich, auch die Spiele von Tischtennis über Mathequiz bis Kegeln wecken deutlich mehr Interesse als die Auftritte der Supertalente vor der Bohlen-Jury.

Dies liegt auch daran, dass der durch einen Bruch des Handgelenks in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkte Raab - er muss wie sein Gegner die Aufgaben mit der schwächeren Hand bewältigen - an diesem Abend alles andere als auf der Höhe und damit durchaus schlagbar wirkt: Entspannt spielt sein Gegner bereits früh einen Vorsprung heraus.

Bei den äußerst gesangslastigen Supertalenten hingegen menschelt es sehr, ja zu sehr. Aus den "schwierigsten Bedingungen" kommen einige Kandidaten, und natürlich haben alle den "Auftritt ihres Lebens" vor sich, mit dem sie sich ihren "größten Wunsch" erfüllen möchten.

Die Rolle der fleischgewordenen Weihnachtsrührung darf Jury-Mitglied Bruce Darnell, wie stets nah am Wasser gebaut, übernehmen. "Im Prinzip folgt es immer dem gleichen Schema", notiert bei Facebook das Mitglied Fabian trocken: "Bruce heult, findet es wahnsinnig beeindruckend, heult weiter, ist fasziniert und nach seiner Meinung ist jeder ein Ausnahmetalent."

Ganz anders menschelt es hingegen bei Stefan Raab: Der wird mit zunehmender Spieldauer immer ärgerlicher, fährt zwischendurch den Kommentator der Spielsequenzen genervt mit "Halt die Klappe" an und muss sich dazu noch ärgern, dass die Fernsehzuschauer bei der Telefonabstimmung über die Schönheit eines selbstgemalten Tannenbaums natürlich das Werk seines Widersachers wählen. "Ich hab den Zuschauer wohl für klüger gehalten, als er eigentlich ist", lautet Raabs verhaltene Konsumentenkritik.

Für Nörgeleien ist bei RTLs Supertalent eigentlich Dieter Bohlen zuständig, doch selbst der ist beinahe weihnachtlich gestimmt und verteilt Lob sogar an die Teilnehmer, die keine Gesangsdarbietungen im Repertoire haben und damit den einzig erwähnenswerten Unterschied zwischen dem Supertalent und "Deutschland sucht den Superstar" ausmachen.

Gerade die sind es nämlich, die der Sendung Leben einhauchen, von der Sandmalerin Natalia Netselya (Bohlen: "Mehr emotional hab ich eine Malerin noch nie gesehen, dass sie soviel Gefühl in die Bilder reinkriegt") über den gehörlosen Tänzer Tobias Kramer bis zum Allesschlucker Steve Starr, der nicht nur Billardkugeln, Münzen oder Sylvie van der Vaarts Ring verschluckt und danach wieder ausspuckt, sondern in den nach Ansicht eines Facebook-Nutzers sicherlich sogar "Florian Silbereisen samt Glühweinstand" hineinpassen würde.

"Carpe Diem" nach Mitternacht

Am Ende ist es mit Freddy Sahin-Scholl jedoch ein Sänger, der gewinnt: Der Mann mit den "zwei Wunderstimmen" und seinem selbst komponierten Lied "Carpe Diem" lässt sich auch besser vermarkten, mutmaßt die Facebook-Gemeinde. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings nach vielen Werbepausen und zähem Spannungsaufbau bereits ein Uhr, und die meisten Zuschauer sehnen sich wahrscheinlich mehr nach einem Bett als nach einem letzten "Carpe Diem".

Zu diesem Zeitpunkt ist Stefan Raab wahrscheinlich bereits auf dem Nachhauseweg, um sich dort weiter zu ärgern. Ob Dosenwerfen, Fußball oder Wissenstest - Kandidat Heiko war dem Entertainer in fast allen Disziplinen überlegen und gewinnt verdient die eine Million Euro.

Mit einem "Bin sauer auf mich heute" schickt Stefan Raab seine Zuschauer nach Hause; das Fazit des Facebook-Abends bei Nutzern und Redaktion ist hingegen ein positives - ohne knackige Kommentare aus der Welt des World Wide Web könnte sich ein Teil der Zuschauer im Jahr 2010 wahrscheinlich nicht mehr durch solch langatmige TV-Marathons quälen.

Lesen Sie das Facebook-Transkript auf der Fan-Seite von sueddeutsche.de (Komplette Ansicht nur für registrierte Nutzer).

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