Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: Plasbergs "Hart aber fair":Intimes Würstchenessen

Lesezeit: 4 min

Drama, Drama, Drama. In Plasbergs "Hart aber fair" durften sich Gottschalk, Karasek, ein Ex-Sänger einer Casting-Band und ein Medienanwalt über die Gefahren des Ruhms unterhalten. Eine Sendung von absonderlicher Ahnungslosigkeit.

Friederike Zoe Grasshoff und Lars Langenau

"Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen." Bertolt Brecht.

Ein Satz, 80 Jahre. Und doch so aktuell. Eingespielt wurde er auch in der Sendung Hart aber fair mit dem ambitionierten Titel "Berühmt um jeden Preis - wie viel Öffentlichkeit verträgt der Mensch?" So viel vorab: ein Anspruch, der am Montagabend in der ARD nicht beantwortet wurde.

Allein Frank Plasbergs Gästeauswahl lässt einen grübeln, wohin der Moderator eigentlich will. Bis auf Thomas Gottschalk ist hier niemand berühmt. Und auch der nur in den engen Grenzen Deutschlands. Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist nur einem ausgewählten Publikum bekannt. Und an Retortenband-Sänger Ross Anthony erinnern sich lediglich jüngere Freunde von Selbstentblößungsshows. Ex-Bravo-Girl Mirjam Weichselbraun ist sowieso eher Sternchen als Star. Um der "Bildungssendung" (Plasberg) wenigstens noch einen Anstrich von Seriösität zu geben, hat seine Redaktion den Medienanwalt Ralf Höcker als Bedenkenträger geladen.

Zudem sei die Frage erlaubt: Warum überhaupt so eine Sendung? Warum jetzt? Warum über ein Luxusproblem reden? Geht es jetzt um Gottschalks Quotenloch? Oder geht es um die Gefahren des Internets, in dem jeder seine fünfzehn Minuten Ruhm erlangen kann, frei nach Andy Warhol? Geht es um Cybermobbing? Oder etwa um Pseudoprominenz im Trashfernsehen?

Irgendwie ein Sommerlochthema. Im Winter.

Tommy kann überall aufs Klo gehen

Schlauer ist man auch nach 75 Minuten Sendezeit nicht. Was bleibt, ist ein Zeugnis von absonderlicher Ahnungslosigkeit. Immerhin hat Gottschalk, ein bekennender analoger Idiot in einer digitalen Welt, genug Zeit, um sich für seine miesen Quoten im ARD-Vorabendfernsehen zu rechtfertigen. Trotzdem könne er bei jedem Deutschen klingeln, "wenn ich mal dringend auf die Toilette muss". Toll.

Prominent zu sein müsse eben gelernt sein, manche seiner Kollegen hätten ja gar eine "Rote-Teppich-Ausbildung". Dann folgen ein paar Seitenhiebe auf "die Heidi" und Seal, die eine öffentliche Friede-Freude-Eierkuchen-Ehe geführt hätten. Da müsse man immer damit rechnen, als Farce entblößt zu werden.

Dann werden plötzlich alte Videos vom RTL-Dschungelkönig von 2008, Ross Anthony, eingespielt. Sie zeigen ihn, wie er überdreht mit Playmobilfiguren spielt und bei der Beauty-Behandlung kurz vor seiner Hochzeit. Vor allem ihn freut es offensichtlich, endlich mal wieder irgendwo im TV eingeladen zu sein. Damit hat die Sendung immerhin ein Ziel erreicht: Der Mann ist für 75 Minuten wieder prominent. Und er erinnert daran, wie lächerlich es sein kann, vorgebliche Privatheit in Homestorys zu kultivieren.

Böses, böses Internet

Kritiker Karasek findet das mit einer gewissen Altersgelassenheit ganz normal. Insbesondere Schauspieler übten eben einen exhibitionistischen Beruf aus. Ihm persönlich sei die ganze Öffentlichkeit aber eh suspekt, weil er inzwischen "nicht mehr unbeobachtet in der Nase bohren kann" und "Würstchenessen" als einen "intimen Vorgang" bezeichnet, bei dem er lieber nicht gesehen werden möchte.

Sein ganzes Minenspiel zeigt, wie absonderlich ihm diese Runde vorkommt. Gerade im Internet und im Reality-TV werde das Leben als "ein Kunstwerk verkauft" - "in seiner totalen Nichtigkeit", sagt er in fast Brecht'scher Tradition.

Ross Antony ("Ich war drei Jahre lang in London auf einer Drama-Schule") fühlt sich trotz 63.000 Facebook-Fans "oft allein". Schließlich habe er einen "harten Job", weil er so viel unterwegs ist. Deshalb freut er sich dann auch ganz besonders über seine ganzen Freunde, mit denen er bereits nach dem Aufwachen kommuniziert. Über so weltbewegende Dinge, wie es denn nun sei so beim Aufwachen: "Schön, dass jemand da ist"; "Ich fühl mich umarmt"; "War schon mit dem Hündchen draußen".

Drama. Drama, Drama.

Für Jurist Höcker ist Ross "der Albtraum eines jeden Medienanwaltes". Seiner Theorie zufolge kommt jeder Mensch mit einem "Paket von Persönlichkeitsrechten" auf die Welt. Dadurch, dass man berühmt sei, büße man "20 Prozent seiner Persönlichkeitsrechte ein" - und bei Gottschalk seien es 40 Prozent, "die schon weg sind".

Aber wie steht es nun um Ross? Ross selbst sieht jedenfalls kein Problem. Keine Angst, sagt er, "ich weiß um meine Grenzen".

"Wir haben das Internet aufgeräumt"

Szenenwechsel: Plasberg schwenkt auf ein weiteres Thema ein - und interviewt eine junge Frau, die in der Schule Opfer von Cybermobbing wurde. So erschreckend die Geschichte dieses jungen Mädchens ist, zeigt es doch nicht mehr, als dass das Netz heute das ist, was früher der Marktplatz war. Und eben auch, dass Kinder grausam sein können.

Laut Drehbuch der Sendung droht nun wieder einmal der Untergang des Abendlandes. Aber der inzwischen 78-jährige Karasek beruhigt: "Das war schon immer so. Facebook hat das nur ungeheuer vergrößert." Dazu müsse man sich nur den Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil von 1906 durchlesen. Ein Roman, der die Mechanismen der Zerstörung einer Persönlichkeit auch ohne Internet und Trashfernsehen offenlegt.

Medienanwalt Höcker wischt diesen Einwand beiseite, schließlich hätte er dann auch nicht so viel zu tun. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit, um Werbung für sich und seinen Stand zu machen: Den Tätern müsse man "rechts und links eine runterhauen" - und er könne das. Wow.

Zum Beispiel mit zivilrechtlichen Vorgehen. Außerdem sei es falsch, vom "Internet, das nichts vergisst" zu sprechen. So habe er schon etliche Google-Seiten löschen lassen: "Wir haben das Internet aufgeräumt."

Das böse, böse Internet.

Die schönste Sequenz der Sendung war ein Einspieler vom NDR-Satiremagazin Extra3. Da wird Kulturstaatssekretär Bernd Neumann (CDU) gefragt: "Was ist denn, wenn das Internet voll ist?" Langes Stottern, und dann: "Ich weiß nicht, wann das Internet voll ist. Im Augenblick stellt sich die Frage nicht." Und weiter: "... dann hat Google wohl eine Lösung dafür."

Brecht hatte schon recht.

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