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TV-Kritik: Plasbergs "Hart aber fair":Böses, böses Internet

Kritiker Karasek findet das mit einer gewissen Altersgelassenheit ganz normal. Insbesondere Schauspieler übten eben einen exhibitionistischen Beruf aus. Ihm persönlich sei die ganze Öffentlichkeit aber eh suspekt, weil er inzwischen "nicht mehr unbeobachtet in der Nase bohren kann" und "Würstchenessen" als einen "intimen Vorgang" bezeichnet, bei dem er lieber nicht gesehen werden möchte.

Sein ganzes Minenspiel zeigt, wie absonderlich ihm diese Runde vorkommt. Gerade im Internet und im Reality-TV werde das Leben als "ein Kunstwerk verkauft" - "in seiner totalen Nichtigkeit", sagt er in fast Brecht'scher Tradition.

Ross Antony ("Ich war drei Jahre lang in London auf einer Drama-Schule") fühlt sich trotz 63.000 Facebook-Fans "oft allein". Schließlich habe er einen "harten Job", weil er so viel unterwegs ist. Deshalb freut er sich dann auch ganz besonders über seine ganzen Freunde, mit denen er bereits nach dem Aufwachen kommuniziert. Über so weltbewegende Dinge, wie es denn nun sei so beim Aufwachen: "Schön, dass jemand da ist"; "Ich fühl mich umarmt"; "War schon mit dem Hündchen draußen".

Drama. Drama, Drama.

Für Jurist Höcker ist Ross "der Albtraum eines jeden Medienanwaltes". Seiner Theorie zufolge kommt jeder Mensch mit einem "Paket von Persönlichkeitsrechten" auf die Welt. Dadurch, dass man berühmt sei, büße man "20 Prozent seiner Persönlichkeitsrechte ein" - und bei Gottschalk seien es 40 Prozent, "die schon weg sind".

Aber wie steht es nun um Ross? Ross selbst sieht jedenfalls kein Problem. Keine Angst, sagt er, "ich weiß um meine Grenzen".

"Wir haben das Internet aufgeräumt"

Szenenwechsel: Plasberg schwenkt auf ein weiteres Thema ein - und interviewt eine junge Frau, die in der Schule Opfer von Cybermobbing wurde. So erschreckend die Geschichte dieses jungen Mädchens ist, zeigt es doch nicht mehr, als dass das Netz heute das ist, was früher der Marktplatz war. Und eben auch, dass Kinder grausam sein können.

Laut Drehbuch der Sendung droht nun wieder einmal der Untergang des Abendlandes. Aber der inzwischen 78-jährige Karasek beruhigt: "Das war schon immer so. Facebook hat das nur ungeheuer vergrößert." Dazu müsse man sich nur den Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil von 1906 durchlesen. Ein Roman, der die Mechanismen der Zerstörung einer Persönlichkeit auch ohne Internet und Trashfernsehen offenlegt.

Medienanwalt Höcker wischt diesen Einwand beiseite, schließlich hätte er dann auch nicht so viel zu tun. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit, um Werbung für sich und seinen Stand zu machen: Den Tätern müsse man "rechts und links eine runterhauen" - und er könne das. Wow.

Zum Beispiel mit zivilrechtlichen Vorgehen. Außerdem sei es falsch, vom "Internet, das nichts vergisst" zu sprechen. So habe er schon etliche Google-Seiten löschen lassen: "Wir haben das Internet aufgeräumt."

Das böse, böse Internet.

Die schönste Sequenz der Sendung war ein Einspieler vom NDR-Satiremagazin Extra3. Da wird Kulturstaatssekretär Bernd Neumann (CDU) gefragt: "Was ist denn, wenn das Internet voll ist?" Langes Stottern, und dann: "Ich weiß nicht, wann das Internet voll ist. Im Augenblick stellt sich die Frage nicht." Und weiter: "... dann hat Google wohl eine Lösung dafür."

Brecht hatte schon recht.

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© Süddeutsche.de/lala/infu/grc/gba
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