Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: Georg Schramm in der "Anstalt":"Ich kandidiere!"

Lesezeit: 4 min

Georg Schramms letzter Auftritt in der ZDF-Kabarettsendung "Neues aus der Anstalt" zeigt, welche Lücke er hinterlässt - um Bundespräsident zu werden.

Ruth Schneeberger

Lassen wir einmal beiseite, dass dieser Sommer reichlich spät begonnen hat. Dass wir ihm jetzt, bei fast 30 Grad, noch nicht ganz über den Weg trauen - denn wer garantiert uns, dass es morgen nicht schon wieder hagelt? Lassen wir also den Himmel beiseite und den Wetterfrosch aus Pietätsgründen ein gutes Tier sein. Dann wäre das, was vom Sommer übrig bliebe, dennoch überragend: Eine Sensation jagt die andere.

Roland Koch, bislang brutalstmöglicher Machterhalter, tritt zurück - freiwillig. Horst Köhler, in der Öffentlichkeit nicht gerade als Querulant bekannt, nimmt völlig überraschend den Hut. Margot Käßmann, kurz zuvor als erste Frau zum Oberhaupt der evangelischen Kirche gewählt, macht den Rückzieher. Und Bischof Mixa, obwohl vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs inzwischen entlastet, erklärt die Niederlegung seiner Ämter.

Große Fußstapfen

Wir leben in Zeiten des Rücktritts. Die Alten und Großen verabschieden sich, hervortun sich die Jungen, Frischen. Philipp Lahm wird Fußballkapitän - und Lena, 19-jährige Schausängerin der Herzen, lässt die Deutschen ihren Stolz neu entdecken. Wenn es kommt, wie es kommen soll, wird auch ins Schloss Bellevue im Hochsommer der jüngste Bundespräsident aller Zeiten einziehen.

Doch welcher Jungspund, und das ist die wirklich bange Frage, soll nun Georg Schramm in der ZDF-Kabarett-Sendung Neues aus der Anstalt ersetzen?

Es hätte ein guter Scherz sein können, als der altgediente Kabarettist vor kurzem verkündete, er trete von der Sendung zurück, die er vor dreieinhalb Jahren mitbegründet hat. Er wäre in diesem Sommer der Sensationen doch nur einer von vielen.

Doch wie so oft hat Georg Schramm, der Wütende, mehr Wahrheit in seine Worte gelegt als das geneigte Publikum verträgt. Nun musste man dem 61-Jährigen also dabei zuschauen, wie er am Dienstagabend tatsächlich seine letzte Sendung meisterte. Nach der Sommerpause soll Neues aus der Anstalt mit einem anderen Partner an der Seite von Urban Priol weiterlaufen.

Welch große Fußstapfen Schramm hinterlässt, das noch einmal deutlich zu machen, bereitete ihm sichtlich Vergnügen.

Der Kampf da draußen

Er wolle Priol nicht im Stich lassen, sagt Schramm, "sondern die Anstalt verlassen, um dort draußen unseren Kampf weiterzuführen: Wenn ich draußen bin, bewerbe ich mich für das Amt des Bundespräsidenten." Brutalstmöglicher Publikumsapplaus.

So mancher Gast, darunter auch Dieter Hildebrandt deutlich zu erkennen, sähe den ehemaligen Bundeswehrsoldaten, scharfzüngigen Psychologen und vielfach ausgezeichneten Ex-Scheibenwischer-Angehörigen wohl tatsächlich am liebsten in der von ihm bisher so bissig begleiteten Regierung.

Es mache aber diesmal keinen Spaß, waren sich Schramm und Priol einig, jemanden wie Horst Köhler loszuwerden, obwohl sie hart daran gearbeitet hätten. Der Grund: "Wir erwarteten den großen Wurf, jetzt bekommen wir einen kleinen Wulff." Das Gerangel um die Bundespräsidentennachfolge sei peinlich gewesen, ebenso der Abtritt: "Unser großer beliebter Bundespräsidenten-Versuch war von seinem Rücktritt so überrascht, dass er sich selbst vom Blatt ablesen musste. Aber auch ein Blindgänger kann einmal explodieren."

Steigern lasse sich diese Hilflosigkeit der Bundesregierung nur noch durch das neue Sparpaket, mit dem man den Weg des geringsten Widerstands wähle, indem man die Ärmsten zur Kasse bitte. Angesichts dieser Ungerechtigkeit werde Schramm, sobald er Bundespräsident sei, die deutsche Oberschicht in seinen Schlossgarten einladen und fragen, ob es ihnen nicht peinlich sei, eine reine Schönwetter-Elite zu sein, die bei Unwetter jede Verantwortung ablehne. Und ob sie eigentlich spüre, dass das Sparpaket der Bundesregierung eine Kriegserklärung an die Mehrheit des Volkes sei, das eben kein Vermögen habe, das man ins Ausland bringen könne.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Urban Priol über den Abschied von Georg Schramm denkt.

Das Lachen im Halse

Über die Gründe für seinen Rücktritt vom Erfolgsauftritt hat Schramm bisher nur bekanntgegeben, dass er sich wieder seinem eigenen Programm widmen wolle, dem Bühnenkabarett. Wenn man sich seinen Auftritt genau ansieht, ist das nur konsequent:

Es sind diese ernsthaften Worte, für die Schramm immer wieder einstand, ohne auf Pointenjagd zu gehen. Gesellschaftliche und politische Missstände aufzuzeigen, mit ernsthaft besorgter Miene, ohne dabei immer Lacher zu ernten, dafür war er seit je bekannt. Dass dem Publikum das Lachen im Halse stecken bleibe, auf diese Definition des politischen Kabarett legte gerade ein Schramm den größten Wert - und grenzte sich damit von der Comedy-Sparte überdeutlich ab.

"Aber es wurde regiert!"

In seinen schwachen Momenten lief er Gefahr, die Nähe zum Witz ganz zu verlieren. In seinen starken brauchten seine Brandreden kaum noch Humor. Dafür wird sein Publikum ihn auch weiterhin sehen wollen. In Zukunft eben wieder auf der Kleinkunstbühne, abseits des Flachbildfernsehens, als Alleinunterhalter.

Bei seinem letzten TV-Gang hatte er aber noch Kameraden an seiner Seite: Monika Gruber regte sich im bairisch-barocken Wortstrudel über den Hype um Lena Meyer-Landrut auf, die sie als "fleischgewordenen Schulmädchen-Report" bezeichnet, und erinnerte daran, dass zu Franz Josef Strauß' Zeiten in Bayern nie jemand auf die Idee gekommen wäre, freiwillig zurückzutreten: "Da ist auch im Suff schon mal einer totgefahren worden - aber es wurde regiert!"

Vermeintlich versöhnlichere Töne schlug Erwin Pelzig an, der der Kanzlerin Mut machen wolle, jetzt nicht auch noch hinzuschmeißen, und ihr "Verwaltungs-Volontariat" zu einem glücklichen Ende zu bringen. Offenbar herrsche inzwischen eine "Bevölkerungsmüdigkeit" unter Politikern: "Die haben die Schnauze von uns noch viel mehr voll als wir von denen."

Im Übrigen sei so ein Bundespräsident ein echter Discount-Schlager. Nach seinen Berechnungen koste der den deutschen Steuerzahler nämlich nur 37 Cent pro Jahr. Die englische Königin etwa, die ja noch "ihre ganze verdorbene Sippe" mit zu unterhalten habe, würde dem Durchschnitts-Briten mehr als das Vierfache abtrotzen. Von einem solchen bundesdeutschen Schnäppchen könne man eben nicht mehr erwarten.

Schmerzliches Vermissen

Jochen Malmsheimer hingegen wurde richtig wütend: Früher sei zwar nicht alles besser gewesen, aber manche Dinge einfach gut - und sie könnten heute noch gut sein, wenn man nur die Finger von ihnen gelassen hätte. Worüber er sich da so lautstark und leidenschaftlich ereiferte ("Ich bin für den Militäreinsatz im eigenen Land, um die Bäcker zu zwingen, ihre eigenen Erlebnisvitrinen leerzufressen!"), war im Endeffekt dann doch nur das Wurstbrot, das zu seinem Leidwesen nicht mehr mit "Guterbutter" ("Ein Wort!"), sondern taktloser Weise inzwischen mit Mayonnaise zubereitet werde.

Dass er darüber beinahe die Fassung verlor, eint Malmsheimer im Stil mit dem scheidenden Schramm - beide haben etwas, das die politikerermüdende Bevölkerung inzwischen bei vielen Regierenden so schmerzlich vermisst: das Brennen für eine Aufgabe, ihre Idee, eine feste Überzeugung. Damit wird nämlich aus der abgeschmacktesten Nummer - mit viel Schmackes - doch noch ein guter Auftritt.

Am Ende machte Schramm noch einmal deutlich, dass er sich mit seinem Abgang nicht von Priol oder von ihren gemeinsamen Zielen abwenden wolle: "Wir haben eine Strategie: Getrennt marschieren, vereint schlagen." Darauf erwiderte der Alleingelassene: "Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen."

Zumindest damit ist Priol wohl nicht alleine.

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