TV-Kritik "Neues aus der Anstalt":Dann doch lieber kiffen

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Wegschmeißen oder aufheben, weitermachen oder neu anfangen: Passend zum Frühling geht es bei Urban Priol und Erwin Pelzig ums große Ganze. Schade, dass dabei eine Hälfte unter den Tisch fällt. Es ist Zeit für Veränderung.

Barbara Vorsamer

Nach Neues aus der Anstalt zeigt das ZDF eine Sendung, die die Faszination des Weiblichen zu ergründen versucht. Ob hier auch geklärt werden konnte, warum politisches Kabarett eine der letzten Männerbastionen ist? Denn in der 50. Folge ist die Satiresendung wie so oft eine Bühne für Männer, die sich über Politik aufregen. Die ursprünglich angekündigte Monika Gruber hat abgesagt. Sie hat sich mit ihrer Sendung Leute Leute ins Boulevardfach verabschiedet. So bleibt es "Anstaltsleiter" Urban Priol und seinem Sidekick Erwin Pelzig überlassen, die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen aufzuspießen. Pelzig: "Das ist keine Neiddebatte, den Frauen geht es um Gerechtigkeit." Dann hat er Mitleid mit VW-Chef Martin Winterkorn, der 17 Millionen Euro verdient. "Als Frau bekäme er 20 Prozent weniger."

Urban Priol und Frank-Markus Barwasser.

Urban Priol (l.) und Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig in Neues aus der Anstalt.

(Foto: Tobias Hase)

Auch die "Quotentrulla aus Südhessen", Familienministerin Kristina Schröder bekommt ihr Fett weg. Die CDU-Frau will die Großelternzeit einführen, damit Oma und Opa sich um ihre Enkel kümmern können. Parteifreundin und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen freut sich, dass Rentner künftig mehr verdienen dürfen. Priol und Pelzig fragen sich: Wo bleibt da der Ruhestand?

"Stradivaris unter den Arschgeigen"

Bei allen Themen zanken sich die beiden Kabarettisten wie ein altes Ehepaar: Der eine will wegschmeißen, der andere aufheben. Pelzig will entrümpeln, der Müll von 50 Sendungen soll weg, es sei eine "Galerie des Grauens": Bischof Mixa, Roland Koch, Franz Josef Jung (irgendwie alle CSU oder CDU).

Priol hingegen kann sich schwer von "unserer Vergangenheit" trennen. Da greift Helmut Schleich als "Fachwirt für Abfallkunde" ein, will den Plunder jedoch auch nicht haben - "keine Wertstoffe". Schleich versteigt sich dann in eine Tirade gegen Reiche und Millionäre, bei der ihm zahlreiche kreative Kraftausdrücke einfallen. Sie seien "die Stradivaris unter den Arschgeigen".

Hagen Rether flucht nicht, erschreckt aber in seiner ganzen Nüchternheit noch viel mehr: "In einer Currywurst steckt viel mehr Leid als in hundert Stierkämpfen", sagt er. "Wir fressen Leberkäs und protestieren gegen Tierversuche."

So fordert Rether eine Ökodiktatur mit hohen Steuern auf Fernreisen, Öl und Fleisch. Damit könnte die Regierung Millionen einnehmen, die zum Beispiel bei der Pflege fehlen. Lustig ist das nicht. Es ist so wahr, dass man sich kaum traut, drüber zu lachen.

Weitermachen oder neu anfangen, das ist die Frage der ganzen Sendung. Marga, die "Schleckerfrau", habe da keine Wahl, erzählt Pelzig. Sie helfe sich mit dem Buch von Carsten Maschmeyer, Erfolgreich leben. Dessen bester Tipp: "Schau in den Spiegel, dann siehst du den größten Schatz, denn du hast." Bei solchen Weisheiten gibt Pelzig den Tipp, doch lieber zu kiffen.

Die "tumbe Schleckerfrau", die "Quotentrulla" Schröder und Uwe Steimle, der als Frau verkleidet die Kulisse putzt: Das sind die Frauen, die bei Neues aus der Anstalt vorkommen. Es ist Zeit für Veränderung: Lieber eine Quotenfrau als gar keine.

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