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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger:75 Minuten Floskeln

Dabei kann eine echte Diskussion schon deshalb nicht aufkommen, weil Journalist Matussek (Untertitel: "Papstbewunderer") in der ersten halben Stunde der Sendung fast ausschließlich damit beschäftigt ist, die Kirchenschelte von Heiner Geißler (Untertitel: "Papstkritiker") zu widerlegen. Stattdessen: Ein Einspieler über den US-Priester Terry Jones, der den Koran publikumswirksam verbrennen wollte - und es dann doch nicht tat.

Und ein Beitrag über den ehemaligen französischen Fußballnationalspieler Eric Cantona, der seine Landsleute ohne Erfolg dazu aufrief, am 7. Dezember ihr gesamtes Geld von der Bank abzuheben - um das Finanzsystem kollabieren zu lassen.

So schlecht kann es Deutschland nicht gehen

Die weiteren Skandale der Maischberger-Redaktion? Die Pressekonferenz, in der Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen Sprecher abkanzelte, bekommt drei Minuten Sendezeit eingeräumt. Frank Lehmann schimpft gegen Schäuble ("Unverschämtheit"), Steimle verteidigt den Minister ("korrekt verhalten") und Geißler erinnert an die Behinderung des CDU-Politikers und sagt, dass einem in dieser Situation auch mal die Nerven durchgehen könnten.

Dann darf die Runde noch einmal Guido Westerwelle attackieren, Heiner Geißler wird von sich selbst für seinen Einsatz als Schlichter im Stuttgart-21-Streit gelobt und auch den hitzigen Schlagabtausch zur Hartz-IV-Debatte im Bundestag zwischen Sigmar Gabriel und Ursula von der Leyen kramt Sandra Maischberger kurz hervor - ohne allerdings die skandalöse Dimension dieses Rededuells näher zu erläutern.

Dem Zuschauer stellt sich nur eine Frage: Kann es einem Land, in dem die Reisebegleitung des Außenministers, eine emotionale Bundestagsdebatte zwischen dem SPD-Chef und der Arbeitsministerin sowie eine missglückte Pressekonferenz des Bundesfinanzministers offenbar zu den Top-Skandalen des Jahres zählt, tatsächlich so schlecht gehen, wie es das kürzlich gekürte Wort des Jahres ("Wutbürger") mutmaßen lassen könnte?

William und Kate - das hält

75 Minuten lang floskelt sich die Runde durch eine streng durchgetaktete Sendung, in der die wirklichen Skandale des Jahres keinen Platz haben. Jeder Gast kann zu jedem Thema etwas sagen - und tut das auch.

Matussek findet die Umfragewerte der Grünen "obszön". Appelt hat das Geld als "neue Religion" identifiziert, Schneyder erkennt, dass radikale Islamisten eine Gefahr sind und der ostdeutsche Kabarettist und Schauspieler Steimle meckert, dass die Menschen mit der DDR immer nur die Stasi verbinden. Am Ende wird der Ehe von Prinz William und seiner Verlobten Kate Middleton noch eine lange Haltbarkeit prophezeit.

Es mag womöglich Zuschauer gegeben haben, die sich nach der Lektüre des TV-Programms tatsächlich auf eine Debatte über die Skandale des Jahres 2010 gefreut haben. Vielleicht haben sie um ein Uhr nachts, als sich Sandra Maischberger schließlich verabschiedet, vor Wut ins Kissen gebissen.

Welch Skandal, dass da kein Clown in der Nähe war.