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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger:Selig das Land der Skandälchen

In der letzten Talkrunde vor der Jahreswende wollte ARD-Moderatorin Sandra Maischberger mit ihren Gästen über die Aufreger 2010 diskutieren. Doch die wahren Skandale mussten draußen bleiben.

Es war ein erstaunliches Schauspiel, das sich in den vergangenen Tagen am Frankfurter Flughafen zutrug. Zwischen all den gestrandeten Touristen, genervten Geschäftsreisenden, quengelnden Kindern und empörten Rentnern tummelten sich in den Terminals fröhlich lachend buntgekleidete Menschen mit Theaterschminke im Gesicht. Die Fraport AG hatte zur Besänftigung der Passagiere, die wetterbedingt am Flughafen festsaßen, Clowns in den Nahkampf mit dem Wutbürger geschickt - als deeskalierende Maßnahme.

Sandra Maischberger Religionen

"2010 - ein Jahr der Skandale?", fragte ARD-Talklady Sandra Maischberger ihre Gäste in der letzten Sendung vor der Jahreswende.

(Foto: dpa)

Wahrscheinlich hatte sich Sandra Maischberger ihre letzte Sendung im Jahr (Titel: "2010 - ein Jahr der Skandale?") so ähnlich vorgestellt: Man redet über die unschönen Dinge der abgelaufenen zwölf Monate, Spiegel-Journalist Matthias Matussek und Bahnhofs-Schlichter Heiner Geißler dürfen hitzig debattieren - und kurz bevor sich die beiden Herren zu sehr in die Haare kriegen, reißt ein Spaßmacher einen Witz. Dafür hatte sich Maischberger mit den Kabarettisten Werner Schneyder und Uwe Steimle sowie dem Brachialkomödianten Ingo Appelt die geballte Humor-Kompetenz der Republik als Unterstützung geholt. Außerdem saß da noch der Börsenguru Frank Lehmann, der zu allem etwas sagen kann - vorzugsweise zu gierigen Bankern.

An den wichtigen Themen vorbei

Beste Voraussetzungen also, die Skandale des Jahres abzuarbeiten. Es gab ja auch genügend davon.

Doch Maischbergers Runde diskutiert lieber ausgiebig darüber, ob sich die katholische Kirche in ihrer Sexualmoral bewegt, weil der Papst plötzlich männlichen Prostituierten zugesteht, Kondome zu benutzen.

Der als "politischer Kopf des Jahres" vorgestellte Heiner Geißler sagt, dass die katholische Kirche überhaupt nicht fortschrittlicher geworden sei, sondern dass sie im Gegenteil ein frauenfeindliches System ist und bleibt. Matussek verteidigt dagegen die Haltung des Papstes, die Gesellschaft sei ohnehin völlig "durchsexualisiert". Und Uwe Steimle sagt, er höre sich das alles an.

Von der katholischen Kirche ist der Sprung nicht weit zur Islam-Debatte. Der vielzitierte Wortbeitrag von Bundespräsident Christian Wulff ("Der Islam gehört zu Deutschland") wird aufgegriffen, um das Thema dann ganz schnell wieder fallenzulassen. Ebenso die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Multikulti sei gescheitert.

Kabarettist Schneyder versucht darauf einen Debattenbeitrag vorzubringen: "Wenn Multikulti tatsächlich gescheitert ist, dann sind daran die Religionen schuld." "Auch ein Satz ...", wiegelt Maischberger ab und ruft Ingo Appelt auf, der noch fast gar nichts sagen durfte.

Bewundernswert ist an dieser Debatte nur eines: wie es die Runde um Sandra Maischberger schafft, die Themen, die in einer solchen Sendung eigentlich ausführlich diskutiert werden müssten, zielsicher zu umkurven.

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und das hilflose Krisenmanagement des BP-Konzerns? Vollkommen ignoriert. Die Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg mit 21 Toten? Mit keinem Wort erwähnt. Sarrazins Islam-Schelte und seine Thesen zum Juden-Gen und der vererbbaren Dummheit? Kurz und ohne Tiefe abgehandelt. (Matussek: "Jeder Buchkäufer ist ein politischer Demonstrant.") Auch die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen und Bildungsstätten wie der Heppenheimer Odenwaldschule, werden nur kurz gestreift.

75 Minuten Floskeln

Dabei kann eine echte Diskussion schon deshalb nicht aufkommen, weil Journalist Matussek (Untertitel: "Papstbewunderer") in der ersten halben Stunde der Sendung fast ausschließlich damit beschäftigt ist, die Kirchenschelte von Heiner Geißler (Untertitel: "Papstkritiker") zu widerlegen. Stattdessen: Ein Einspieler über den US-Priester Terry Jones, der den Koran publikumswirksam verbrennen wollte - und es dann doch nicht tat.

Und ein Beitrag über den ehemaligen französischen Fußballnationalspieler Eric Cantona, der seine Landsleute ohne Erfolg dazu aufrief, am 7. Dezember ihr gesamtes Geld von der Bank abzuheben - um das Finanzsystem kollabieren zu lassen.

So schlecht kann es Deutschland nicht gehen

Die weiteren Skandale der Maischberger-Redaktion? Die Pressekonferenz, in der Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen Sprecher abkanzelte, bekommt drei Minuten Sendezeit eingeräumt. Frank Lehmann schimpft gegen Schäuble ("Unverschämtheit"), Steimle verteidigt den Minister ("korrekt verhalten") und Geißler erinnert an die Behinderung des CDU-Politikers und sagt, dass einem in dieser Situation auch mal die Nerven durchgehen könnten.

Dann darf die Runde noch einmal Guido Westerwelle attackieren, Heiner Geißler wird von sich selbst für seinen Einsatz als Schlichter im Stuttgart-21-Streit gelobt und auch den hitzigen Schlagabtausch zur Hartz-IV-Debatte im Bundestag zwischen Sigmar Gabriel und Ursula von der Leyen kramt Sandra Maischberger kurz hervor - ohne allerdings die skandalöse Dimension dieses Rededuells näher zu erläutern.

Dem Zuschauer stellt sich nur eine Frage: Kann es einem Land, in dem die Reisebegleitung des Außenministers, eine emotionale Bundestagsdebatte zwischen dem SPD-Chef und der Arbeitsministerin sowie eine missglückte Pressekonferenz des Bundesfinanzministers offenbar zu den Top-Skandalen des Jahres zählt, tatsächlich so schlecht gehen, wie es das kürzlich gekürte Wort des Jahres ("Wutbürger") mutmaßen lassen könnte?

William und Kate - das hält

75 Minuten lang floskelt sich die Runde durch eine streng durchgetaktete Sendung, in der die wirklichen Skandale des Jahres keinen Platz haben. Jeder Gast kann zu jedem Thema etwas sagen - und tut das auch.

Matussek findet die Umfragewerte der Grünen "obszön". Appelt hat das Geld als "neue Religion" identifiziert, Schneyder erkennt, dass radikale Islamisten eine Gefahr sind und der ostdeutsche Kabarettist und Schauspieler Steimle meckert, dass die Menschen mit der DDR immer nur die Stasi verbinden. Am Ende wird der Ehe von Prinz William und seiner Verlobten Kate Middleton noch eine lange Haltbarkeit prophezeit.

Es mag womöglich Zuschauer gegeben haben, die sich nach der Lektüre des TV-Programms tatsächlich auf eine Debatte über die Skandale des Jahres 2010 gefreut haben. Vielleicht haben sie um ein Uhr nachts, als sich Sandra Maischberger schließlich verabschiedet, vor Wut ins Kissen gebissen.

Welch Skandal, dass da kein Clown in der Nähe war.