TV-Kritik: Maischberger zum Fall Kachelmann "Freispruch zweiter Klasse"

Doch auch bei Maischberger findet die streitlustige Feministin an diesem Abend einen Konterpart - in einem Richter. Es sei nicht Aufgabe des Gerichts, die Wahrheit zu erforschen, sagt Heinrich Gehrke, sondern zu prüfen, "ob die Beweise für eine Verurteilung ausreichen". Weil dies offensichtlich nicht der Fall gewesen sei, habe man Kachelmann freigesprochen. "Damit sollten wir leben", sagt Gehrke in Richtung Schwarzer - und in Richtung der Medien. Die werteten das Urteil fälschlicherweise zu einem "Freispruch zweiter Klasse" ab und behafteten den Freigesprochenen mit einem Makel.

Schwarzer kontert: Auch der Vorsitzende Richter habe bei der Urteilsverkündung die Möglichkeit eingeräumt, dass der TV-Meterologe die ihm vorgeworfene Vergewaltigung doch begangen haben könnte. "Das Gericht hat seine Befugnisse überschritten", entgegnet Gehrke. Es sei nicht üblich, nach einem Freispruch so "nachzukarten". Er findet harsche Worte für die Prozessführung der Mannheimer Kollegen: Als "Kollaps der Strafjustiz" und "größten anzunehmenden Unfall" bezeichnet er den Fall Kachelmann.

Der Richter scheint mit der Absicht in die Runde gestoßen zu sein, zur Ehrrettung seines Berufstandes Sachlichkeit in die öffentliche Diskussion zu bringen. Doch das will ihm nicht so recht gelingen. Immer wieder rollt er daher mit den Augen (wenn Schwarzer spricht), hängt gelangweilt im Sofa und sitzt am Ende mit verschränktem Armen und konsterniertem Blick da.

Es ist aber nicht allein Alice Schwarzer, die eine differenzierte Diskussion verhindert, indem sie immer wieder verbal ins Populistische abgleitet ("öffentliche Hinrichtung der Frau"/ "menschenverachtende Manipulation von Frauen"). Sandra Maischberger fliegt von einer Frage zur nächsten: Ist das Urteil gerecht? Wer war im Prozessverlauf glaubwürdiger - und wie stellt man beziehungsweise frau Glaubwürdigkeit unter Beweis? Welche Rolle haben die Medien gespielt? Braucht es Gutachter und wenn ja: wie viele? Und: Werden nach dem Freispruch weniger Frauen den Mut haben, eine Vergewaltigung anzuzeigen? Dabei wird die erfahrene Talklady weder den einzelnen Aspekten noch ihren Gästen gerecht.

Roger Schawinski, Schweizer TV-Moderator und Ex-Chef eines großen deutschen Privatsenders, ist als Kachelmann-Kenner einbestellt. Als solcher wartet er mit erstaunlichen Ansichten auf: Der Prozess sei für seinen Landsmann eine "super Publicity", meint Schawinski. "Er ist aus der Nummer rausgekommen, er ist happy." Das mag die Gastgeberin nicht so recht glauben, doch ihr Gegenüber ist sich sicher: "Manche Prominente zählen nur die Titelseiten."