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TV-Kritik:"Ich liebe ihn noch immer"

Das bestätigt der Auftritt der drei Frauen, die nun von ihren mörderischen Schicksalsschlägen erzählen können. Man bekommt sogar das Gefühl, die Zusage von Ursula S. habe die Macher der Sendung dazu gebracht, eben noch ein paar passende Gäste einzuladen.

Zunächst tritt Dagmar Eichhorn auf, die Mutter des sogenannten "Rhein-Ruhr-Rippers", eines Serienmörders. Im Gegensatz zu Ursula S. scheint sie über die Schuldfrage wirklich nachgedacht zu haben. Immer wieder hinterfragt sie die eigene Erziehung, sagt etwa den denkwürdigen Satz: "Ich glaube man hat den falschen eingesperrt, da müsste man mich ja einsperren." Oder: "Ich liebe ihn noch immer", " ich habe Angst, wenn er freigelassen wird".

Doch was hat ihren Sohn zum Mörder werden lassen? Selbst Mutter Eichhorn will diese Frage nun beantwortet haben. Doch die geladenen Experten tun sich schwer. Den Erklärungen des Strafverteidigers, berühmt dank seiner Auftritte bei Fernsehrichterin Barbara Salesch, kann man kaum folgen. Und die österreichische Gerichtspsychiaterin, die einst Josef Fritzl untersuchte, stellt fest, sie könne die hier besprochenen Täter nicht aus der Ferne beurteilen.

Auch über das Böse will sie nicht richten: Moralische Fragen seien nicht ihr Job, sie entscheide, wie gefährlich jemand sei. Einleuchtend ist immerhin ihre Einschätzung, dass viele Mörder die Tat in der Fantasie so oft durchgespielt hätten, dass schließlich die Hemmschwelle sinke.

Dann ist auch schon Iris Pfeifer dran, die sagt: "Ich tötete meinen Mann, um zu überleben." Die blonde Frau schildert, wie ihr Mann ihr, als sie hochschwanger war, eine Messer in den Hals rammte, wie er das zweite Kind mit Tritten in den Bauch tötete. Wie die Polizei ihrem Leiden zusah und sie schließlich zustach. 20 Mal.

Ob es tatsächlich so war, ob Pfeifer wirklich auch Opfer ist - dazu stellt Maischberger keine einzige kritische Frage. Sie nickt nur verständnisvoll, während sich eine verurteilte Mörderin als mutige Kämpferin in Szene setzt. Das ist gelinde gesagt unjournalistisch. Natürlich, es gibt solche Fälle. Glaubt man Pfeifer, so steht hier tatsächlich eines der Motive im Raum, die Menschen zu Mördern werden lassen. Und wer versucht, sich in die Frau hineinzuversetzen, entwickelt vielleicht sogar ein gewisses Verständnis, auch wenn Mord durch nichts zu rechtfertigen ist.

Zu wenig Zeit für echte Debatte

Angesichts all des Grauens würde man als Zuschauer jetzt gerne einmal durchatmen und mehr von den Experten hören, die aus der emotionalen Distanz etwas Sachliches zum Thema beitragen sollen. Viel kommt dabei allerdings nicht heraus. Zu viele Themen werden angeschnitten, zu wenig Zeit bleibt für eine echte Debatte. Es geht mal eben um die Schuldfrage an sich, um die Glaubwürdigkeit der Reue der Täter und deren geistigen Gesundheitszustand im Allgemeinen.

Dann tritt noch schnell Bianca Scholz auf. Auch ihre Geschichte ist brutal, natürlich. Zwei Jugendliche überfielen sie nachts, doch anstatt ihr Geld zu nehmen, stachen sie mit einem Messer auf sie ein, durchtrennten ihr Rückenmark und ihre Halsvene und ließen sie schließlich halb tot auf einem Parkplatz liegen. Es ist eine Geschichte, die einen berührt, vor allem, weil die Frau im Rollstuhl sie mit so viel Lebenskraft erzählt.

Nur ist es eben die vierte unfassbare Geschichte, die der Zuschauer an diesem Abend hört. Nicht einmal zehn Minuten hat Scholz dafür. Sie ist als Opfer hier, damit die ARD dem Vorwurf entgeht, man beschäftige sich nur mit den Tätern. So hat Maischberger sie selbst angekündigt. Doch was soll Bianca Scholz für Antworten geben auf die Frage, ob jeder zum Mörder werden kann?

In den letzten fünf Minuten gibt es noch so etwas wie eine Diskussion. Es geht irgendwie um Gerechtigkeit und darum, ob jeder eine zweite Chance verdient hat. Opfer Scholz fordert härtere Strafen. In ihrem individuellen Fall mag das nachvollziehbar sein, doch auch jetzt bleibt der Zuschauer mit dieser Forderung allein. Der Strafverteidiger sagt deshalb noch schnell, dass die EU gerade die Sicherungsverwahrung für verfassungswidrig erklärt hat.

Die Frage, ob denn nun jeder zum Mörder werden kann, beantwortet an diesem Abend bei Sandra Maischberger niemand mehr. Dafür hätte man vielleicht einfach weniger Opfer und mehr kluge Experten einladen müssen.