Das Jobprofil von Constantin Schreiber ist inzwischen so anabol angewachsen wie seine Oberarme. Er ist nicht mehr nur Nachrichtensprecher, Schriftsteller, Sachbuchautor, Influencer, Islam- und Glücksexperte, sondern neuerdings auch Global Reporter für den Axel-Springer-Verlag. Am Mittwochabend sitzt er in seiner Neben-Neben-Nebentätigkeit als regelmäßiger Talkshowgast als Teil einer dreiköpfigen Live-Kommentarspalte neben seinen Kolleginnen Anna Lehmann (taz) und Kristina Dunz (RND) in der Sendung von Sandra Maischberger.
Man muss konstatieren: Sein weißer Slim-Fit-Pullover sitzt wie maßgeschneidert. Oder, wie Kristina Dunz sich nach einem ersten, längeren Redebeitrag des Adonis in Schurwolle verständlicherweise verspricht, man muss es „constantieren“. Die verbalen Einlassungen Schreibers sind selbst wie hochwertige Textilien. Ein Faden, den er verlieren könnte, wird sich niemals lösen.
Wenige, finanzmarktkundige Sätze („Ich könnte jetzt einen Klumpen Gold kaufen, und später wieder verkaufen, und ich hätte ordentlich Gewinn gemacht“) reichen ihm, um den sich später einmal mehr uninteressant verheddernden AfD-Mann Tino Chrupalla so nachhaltig zu überstrahlen, dass dieser wirkt wie ein Klumpen Blei, und in diesem Text keine weitere Erwähnung mehr finden wird.
Constantin Schreiber im Tanktop: Ein Auslandsreporter in Bestform
Seit Constantin Schreiber kein ARD-Nachrichtensprecher mehr ist und sein Rollenkorsett aus gut sitzenden Dreiteilern, Tunnelblick auf den Teleprompter und schwerhörigenfreundlicher Ultragenauartikulation abgelegt hat, ist er sichtlich aufgeblüht. Unter hemdsärmelig macht er es nicht mehr. Mehr noch: Er macht es inzwischen sogar unterhemdsärmelig. In einem sehr schönen und erfolgreichen Instagram-Post gewährte er jüngst seinen knapp 400 000 Followern einen kleinen Einblick in seinen neuen Reporteralltag.
In einem schwarzen Tanktop auf dem Balkon lehnend, blickt er visionär rechts an der Kamera vorbei in das israelische Landesinnere, im Hintergrund Palmen und das Meer. Dabei wendet er einen liebenswerten optischen Trick an, der so alt ist wie die Zehn-Kilo-Kurzhantel: Während er die Arme verschränkt, drückt er subtil die Fäuste an die Unterseiten seiner Bizepse, um sie muskulöser wirken zu lassen.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Das hätte der nach Prinzip sun’s out, guns out verfahrende Kriegsreporter eigentlich nicht nötig. Seine Arme sind auf der Höhe der Zeit: trainiert, aber nicht zu voluminös, nicht zu aufgepumpt. Toned arms aus dem Bilderbuch.
Aber bei dem Journalisten Schreiber geht es selbstverständlich in erster, zweiter und dritter Linie um die toned words. Noch während die Aufzeichnung seines Maischberger-Auftritts linear ausgestrahlt wird, lädt Schreiber bei Instagram einen untertitelten Wortbeitrag von sich hoch, der da lautet: „Demokratie oder Autokratie? Das wird gerade verhandelt. Und man muss ehrlich sagen, die Demokratie schlägt sich nicht gut.“ Die düstere Frage, die er sich stelle: Was, wenn die Demokratie sich nicht als das erfolgreichere Modell herausstelle? Im Hintergrund quengelt der US-amerikanische Präsident in der Schweiz nach einem Eis, die „Maischberger“-Redaktion hat passend dazu Eiswürfel mit US-Flaggen-Farben an die Wand gebeamt.

Die vielen Rollen des Constantin Schreiber:Ihr könnt alles sein, was ihr wollt
Constantin Schreiber ist in Talkshows ein Kabarettist, als Romancier ein Islam-Experte, als Optimismus-Coach ein Mensch. Muss er auch noch Nachrichten vorlesen?
Dann folgt der – meine Güte, erwähnen wir ihn halt doch, der lieben, gefährdeten Demokratie wegen – bemerkenswert schwache Auftritt von AfD-Chef Tino Chrupalla. Der SPD-Außenpolitiker Hubertus Heil und die Moderatorin drehen beide ihre Drehstühle in Richtung des nervtötenden Contrarians mit der Deutschlandfahne am Revers, und reden auf ihn ein wie zwei überarbeitete Vertrauenslehrer, die langsam auch mal genug haben von ihrem Problemschüler. Chrupalla ist argumentativ schon vor so vielen Kilometern falsch abgebogen, dass man nicht mehr mit Gewissheit sagen kann, ob er überhaupt jemals einen Fuß vor den anderen gesetzt hat.
Er weigert sich wie ein Kleinkind, von russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine zu sprechen, obwohl er einräumt, dass dort Verbrechen geschähen, und dass dort Krieg sei. Weil das so offensichtlich albern ist, dass es wehtut, sucht Chrupalla sein Heil in der Beschwerde über den Umgangston in der Sendung. „Lassen Sie mich doch mal ausreden, ich habe Sie doch auch ausreden lassen.“ Und so weiter, und so fort. Heil gesucht, Heil gefunden: „Sie haben heute ein ziemliches Glaskinn“, sagt Hubertus Heil. „Ich habe kein Glaskind!“, wehrt sich Chrupalla energisch. „KinN“, sagt SPD-Heil, und zeigt auf sein Kinn. Die Moderatorin bedankt sich bei ihren Gästen für deren zweifelhafte Leistung und sucht wieder die Nähe des Mannes, der am ehesten in der Runde aussieht wie ein Glaskind.
Constantin Schreiber kritisiert auf Nachfrage die geplanten Verschärfungen der Krankheitsregelungen in der Arbeitswelt unter Friedrich Stromberg, nein, Bernd Merz, na, wie heißt er denn jetzt? Und zwar zu Recht. Man darf freudig gespannt sein, wie es weitergeht bei ihm. Man kann sich nur dem anschließen, was eine Kommentatorin unter dem Tanktop-Post des weißwollenen Globalspringers schreibt: „Sie sind so klug und so hübsch. Weiter so, gehen Sie unbeirrt Ihren Weg.“

