TV-Kritik: Kuppel-Shows Massenverrohung im Vorabendprogramm

Hier vollzieht sich wie aus dem Lehrbuch das perfide Spiel, das die privaten Sender oft genug mit ihren Zuschauern und Protagonisten treiben: Schwarzweißstory geht mit mühevoll versteckter Häme auf ihre Protagonisten los. Es geht ums Ekeln, ums Empören und schließlich ums tränenreiche Versöhnen, sprich: Um möglichst alle Formen der emotionalen Betroffenheit.

Der Inhalt in Kurzform: Uschi darf sich in der sogenannten "Help-Doku" nicht nur von ihrer Tochter und ihrer besten Freundin ohne Ende für ihr Verhältnis zu ihrem jüngeren Lover beschimpfen und sich als alt, fett, dumm und hässlich niedermachen lassen, sie muss auch noch ständig in Bikini, Negligé oder Unterwäsche entblößt durchs Bild rennen, obwohl sie selbst weiß, dass sie wahrlich keine Schönheit ist.

Am Ende aber heiratet sie ihren Lover, und angeblich sind plötzlich alle froh.

Was dem Zuschauer bleibt, ist Fassungslosigkeit.

Und das unangenehme Gefühl, einer ganz miesen Finte aufgesessen zu sein - zugunsten unschöner Bilder und heftiger Gefühlsregungen eher negativer Natur.

Selig die Zeiten, als Kuppelversuche im Fernsehen noch "Herzblatt" hießen und ihren Kandidaten ein ebensolches zwar ernstgemeint aber einigermaßen intelligent gewitzt und gutgelaunt präsentierten. In Zeiten von "Bauer sucht Frau" und dessen Nachfolgern gewinnt der Zuschauer eher den Eindruck, möglichst unangenehme Protagonisten würden auf möglichst skurrile Gegenentwürfe losgelassen und damit der ungebremsten und medial wiederverwertbaren Lächerlichkeit preisgegeben. Damit das Publikum was zu lachen hat - und sich tüchtig gruseln darf.

Warum sonst sollten Protagonisten ständig halbnackt durch die Gegend rennen, sich in unvorteilhaften Lebenssituationen zeigen und mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette gefilmt werden?

In Zeiten von Scripted Reality kann kein Mensch mehr unterscheiden, was echt und was falsch ist, wer wirklich sucht und wer aus welchen Gründen gecastet wurde, klar ist nur: Das was draufsteht, nämlich zielgerichtete Partnervermittlung, ist das alles nicht. Sat 1 zeigt mit zwei unsäglichen neuen Trash-Formaten, dass es weder sein Publikum noch seine Protagonisten ernst nimmt. Dafür hält sich zumindest RTL diesmal mit seinem langweiligen Konkurrenz-Abklatsch etwas zurück. Beide Sender kopieren den jeweiligen Quotenerfolg des anderen in Liebesdingen unter denkbar schlechten Voraussetzungen.

Sollte uns das nicht alles egal sein, werfen Kritiker der TV-Kritik immer wieder in die Runde, sollen die Millionen von Zuschauern sich doch seicht unterhalten fühlen und ansonsten nicht zu viel darüber nachdenken, was ihnen da aus welchem Grund in welcher Form serviert wird? Eben nicht: Man darf nicht müde werden, zu betonen, dass wir so etwas im Fernsehen nicht sehen wollen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Sitten unterschwellig verrohen.

Kleinen Kindern wird schon auf dem Schulhof beigebracht, dass sie minderbemittelte oder hässliche Mitschüler nicht verlachen dürfen - aber hier, im öffentlichkeitswirksamen Vorabendprogramm, werden ohne Unterlass reihenweise Mitbürger verheizt, die eigentlich unseren Schutz verdient hätten.

Wo ist die Aufsicht, die dieses grassierende unverantwortliche Abgrasen von Sendungsuntauglichen zur Räson bringt?

Niemand in Sicht, nirgends.