Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: "Hart aber fair":Silvanas Torten - Quatsch mit Sahne

FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin wird besser nie Finanzministerin: Bei Plasberg diskutieren die Gäste über Griechenlands Misere.

Wie war das doch gleich mit den Tortenstückchen? Man hat eine Torte - und dann kommen noch drei Schnitten hinzu. Oder fünf. Oder vielleicht auch gar keine?

Silvana Koch-Mehrin, FDP-Vorzeigefrau und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, versucht sich als Schätzerin. Jedenfalls im übertragenen Sinne, denn sie erklärt mit ihren Tortenteilen das Modell der Steuerschätzung. Das heißt: Sie versucht zu erklären, was an diesem Donnerstag die offizielle Steuerschätzung ergibt. Doch irgendwie geht die Rechnung nicht auf.

Und die Sache mit den Stückchen erst recht nicht. Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) und Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) schauen bedröppelt ob der bizarren Tortenrechnung Koch-Mehrins. Und auch der Bremer Ökonom Rudolf Hickel ist von der verbalen Tortenschlacht nicht überzeugt.

Die Blicke der drei älteren Herren sprechen Bände: Was ist das denn für ein Quatsch mit Sahne? Selbst der Shootingstar der Liberalen weiß irgendwann nicht mehr so recht weiter.

Und anstatt noch länger von "Torte" und "Stückchen" zu reden, hält Koch-Mehrin einfach mal den Mund. Ihr Tortenrezept ist nicht mehr als ein Baiser - gebacken mit viel heißer Luft und wenig Substanz. Nur wenig später, am Ende der Sendung, wird die blonde Schöne, die vor nicht allzu langer Zeit ihren Babybauch für ein Magazin fotografieren ließ, abermals mit tollkühnen Rechenkünsten auf die Nase fallen. Aber dazu später mehr.

"Hurra, wir retten den Euro - und wer rettet dann uns?", wollte Hart-aber-fair-Moderator Frank Plasberg am Mittwochabend von seinen Gästen wissen. Und, liebe TV-Redaktion, kleiner Tipp: Immer mindestens einen Gast einladen, der so richtig schön gegen den Strom schwimmt. Wenn sich alle lieb haben, macht die Sendung für den Zuschauer einfach keinen Spaß.

Das Gespenst Lehman

Bei Plasberg waren sich im Großen und Ganzen alle einig. "Wenn man jetzt nicht hilft, erzeugt man ein Lehman-Problem auf Staatsebene", argumentiert CDU-Denker Biedenkopf. Wohl weil die Lehman-Brüder aus Deutschland stammten, spricht Biedenkopf den Namen mit einem doppelten N. "LehMANN".

Zur Erinnerung: Am 15. September 2008 kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers, weil die US-Regierung ein Exempel statuierte - der damalige Präsident George W. Bush und sein Finanzminister Hank Paulson verweigerten die finanzielle Unterstüzung. Der Rest ist Geschichte: Erst riss die Lehman-Pleite die Finanz-, dann die Realwirtschaft in den Abgrund.

Die Hilfe für die Hellenen, resümiert Biedenkopf, sei alternativlos. Und da geht Hans Eichel völlig d'accord. Erst vor kurzem hat der ehemalige Bundesfinanzminister, der Sparfuchs aus dem Kabinett Schröder, griechische Staatsanleihen gekauft. Eichel selbst sieht das "als Investment" und als "ein Zeichen". Anfang der Woche machte das Handelsblatt mit der Story auf.

Für ein derartiges finanzielles Harakiri findet Ökonom Hickel warme Worte. "Das ist unglaublich liebenswert, aber ökonomisch sinnlos", doziert Hickel wie immer mit einem Lächeln. Der Bremer hat seinen eigenen Plan: "Ich werde Urlaub in Griechenland machen", verspricht er. Gelächter im TV-Studio. Und: Das Geld, das von der Europäischen Gemeinschaft und dem Internationalen Währungsfonds jetzt so schnell wie möglich Richtung Athen fließen soll, werde nur für wenige Monate reichen. Hickels Credo: "Wir brauchen eine Umschuldung." Da sind Ökonom Hickel und Ulrich Stockheim, ehemaliger Korrespondent an der Wall Street, einer Meinung.

Ob eine Umschuldung, ein sogenannter Haircut, die Wut und Gewalt der Griechen tatsächlich stoppen könnte? Drei Menschen, darunter eine schwangere Frau, kamen bei den Demonstrationen zum großen Generalstreik der Hellenen am Mittwoch ums Leben - weil randalierende Jugendliche eine Bank angezündet hatten. Es sind hässliche Bilder, die an diesem Tag um die Welt gehen.

Apropos Bilder. Eine echte Diskussion mag bei dem Schwerpunktthema der Plasberg-Sendung nicht aufkommen - vielleicht weil immer wieder Einspieler die Diskussionskultur stören?

Kopfrechnen - eher schwach...

Erst im letzten Drittel der TV-Sendung wird die Runde deutlich munterer, mitunter auch aggressiver. Quotenfrau Koch-Mehrin muss an den imaginären Pranger - weil die FDP trotz leerer Kassen auf Steuersenkungen pocht. Es sei "nicht redlich, mit diesen Punkten wieder durch die Lande zu laufen", geißelt Stockheim das Ansinnen der FDP.

Hickel setzt noch einen drauf: "Sie machen den Staat ärmer" und "Die Kommunen pfeifen aus dem letzten Loch", ätzt der Ökonom Richtung FDP-Frau. Und SPD-Mann Eichel, der mit seinem knackig-braunen Teint aussieht, als habe er gerade sechs Wochen Urlaub auf einer griechischen Insel bei allerfeinstem Sonnenschein hinter sich, kann's noch toppen. "Ich hatte mit Ihren Leuten genug zu tun", giftet der "Eiserne Hans" die Liberale Koch-Mehrin an. Die Angeschossene selbst bleibt völlig ruhig. Das Steuersenkungsversprechen vor der Wahl sei ein Gebot der Ehrlichkeit. "Das wollen wir einlösen."

Auch Talkmaster Plasberg löst am Ende der Sendung ein Versprechen ein - die Auflösung des zur Mitte der Show kurz vorgestellten Rechenspiels mit der Schuldenuhr. Um wie viel steigt die Staatsverschuldung in 75 Minuten Sendezeit an? Kommunikationsberater Stockheim und Ex-Finanzminister Eichel tippen auf 15 Millionen Euro, Sachsens ehemaliger Regierungschef 25 Millionen. Allesamt nicht schlecht geschätzt, doch Ökonom Hickel hat besser kalkuliert; er überbietet den Zielwert von 20 Millionen Euro nur knapp.

Und FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin? Nun ja, sie bezeichnet Plasberg als eine Art Pilawa. Und sie übt noch, Kopfrechnen ist einfach nicht ihre Stärke. Den Anstieg der deutschen Staatsverschuldung veranschlagt sie mit 6000 Euro - in 75 Minuten Sendezeit.

Nur gut, dass die FDP im vergangenen Herbst nicht den Zuschlag für das Finanzministerium bekommen hat.

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