TV-Kritik: Hart aber fair:Peanuts für die Leistungsträger

Eine Seniorin, die sich wegen grünem Star einer Augenbehandlung unterziehen musste, ging mit mehr als 400 Euro für die Arztrechnung in Vorauszahlung gegenüber ihrer Kasse. Erstattet bekam sie: 72 Euro. Weil der Arzt nach privatärztlichen Maßstäben ein Vielfaches abgerechnet hatte, die Kasse aber nur angehalten ist, den kassenärztlichen Satz zu erstatten. Auf den Mehrkosten bleibt die Patientin sitzen.

Das mögen für den Leistungsträger, den die FDP offenbar vor Augen hat, Peanuts sein, wenn er zweimal im Jahr sein Antibiotikum zu zwei Dritteln selbst zahlen muss und ansonsten jung und gesund ist, wie sich das gehört.

Chronisch Kranke aber oder beispielsweise schwere Pflegefälle, die zum jetzigen Zeitpunkt schon, sobald sie privat versichert sind, Tausende Euro im Monat für Medikamente und Behandlungen im Voraus zahlen müssen, und sich nur einen Bruchteil der Kosten von der Kranken- und Pflegekasse zurückerkämpfen können, solange sie überhaupt noch selbst dazu in der Lage sind und nicht Angehörige mit einem absolut unübersichtlichen Wust von Paragraphen und Bürokratie belasten müssen, die können über solche Vorschläge nicht mal mehr lachen.

Dies sei ja nur eine freiwillige Option für gesetzlich Versicherte, beeilte sich Daniel Bahr zu erklären. Doch Andrea Nahles warf ihm vor, einen "Systemwechsel" in Richtung Vorauskasse voranzutreiben.

Was das bedeuten würde, davon vermittelte Theilmeier eine Ahnung, als er aus seiner Arztpraxis berichtete, in der er sich Kassenpatienten nur leisten könne, weil genügend Privatpatienten die erhöhten Rechnungen zahlen würden. Und wenn sich Kassenpatienten die Rechnungen dank Vorauskasse bald nicht mehr leisten können? Bricht die Versorgung der Kassenpatienten und wirklich kranken Privatpatienten zusammen, und nur noch gesunde Reiche bekommen einen Termin beim Arzt?

Womöglich sollte sich die Weltgesundheitsorganisation um dieses deutsche Problem kümmern. Deren Definition von Gesundheit ist nämlich "ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen". Wo man bei dieser Gesundheitsreform das Stichwort "sozial" genau findet, das könnten, das müssten Daniel Bahr und Philipp Rösler ihr dann noch mal erklären.

"Kritik hat es bislang an jeder Gesundheitsreform gegeben. Doch dieses Mal kommen die Klagen aus allen Richtungen. Das zeigt doch, dass unsere Politik sehr wohl gerecht ist." Mit diesem Zitat ließ sich Daniel Bahr auf der Hart-aber-fair-Homepage ankündigen. Schon klar, wenn alle mit etwas unzufrieden sind, muss es gut sein. Das ist dann wohl die neue Regierungs-Logik.

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