TV-Kritik: Germany's Next Topmodel "Alles, was man nicht sehen will"

Schon zum Auftakt der sechsten Topmodel-Staffel sind die Schubladen klar: Das Opfer und der Jury-Liebling sind gesetzt, ein "Weltrekord" geschafft - und Heidi Klum führt ihr Neu-Konzept ad absurdum.

Eine kleine Nachtkritik. Von Ruth Schneeberger

Germany's Next Topmodel sucht wieder nach dem hübschesten Nachwuchsmodel Deutschlands - und diesmal soll alles anders werden. Das wird es dann wohl auch:

Die diesjährgen Topmodel-Anwärterinnen hatten schon fünf Staffeln Zeit, Heidi Klum und ihre Nachwuchsmodelfleischbeschau zu studieren - sie wissen genau, was man von ihnen erwartet.

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Den unterhaltsamsten Satz des Abends liefert ausgerechnet eine Kandidatin, obwohl das Konzept der Sendung das so gar nicht vorsieht: "Da hat man alles gesehen, was man nicht sehen will", kommentiert eine Schöne angewidert das Bade-Outfit des irren Catwalk-Trainers. Ja, wir sind bei Pro Siebens Abendschreck Germany's Next Topmodel (GNTM) und klar, eigentlich ist hier die dreiköpfige Jury rund um Model-Mama Heidi Klum dafür zuständig, die Mädchen, ihre Körper, ihre Kleidung, ihre Makel, ihre "Personality" und, ganz wichtig, ihre "Attitude" zu kommentieren - und nicht andersherum.

Doch die diesjährigen Modelanwärterinnen sind anders. Die 16- bis 24-Jährigen haben schon fünf Jahre Zeit gehabt, Heidi Klum und ihre Nachwuchsfleischbeschau zu studieren, sich die Tricks und Kniffe ihrer Vorgängerinnen einzuprägen und die Psychologie der Sendung zu durchschauen. Deshalb wissen manche genau, was man von ihnen erwartet - und sehnen sich offenbar danach, diese Rolle auszufüllen. Andere sind, mit diesem Vorwissen ausgestattet, schlauer als die Jury erlaubt.

Diese hat ein neues Mitglied: Wären wir bei Bauer sucht Frau oder einer anderen Kuppelshow, hätte RTL ihm den Beinamen "Bernd, der lässige Beau" oder "Sebastian, der süße Single" gegeben. Bei Pro Sieben heißt er Thomas aus New York, ist als "Creative Director" betont nachlässig gestylt und ersetzt in der Jury den bisherigen Modelagenten Peyman Amin, der Heidi Klum zu stark geworden war. Peyman hat selbst längst eine eigene Model-Sendung auf Pro Sieben - und sein Nachfolger soll nun den machohaften Model-Checker mimen, den die sogenannten "Mädels" um den Finger wickeln müssen, um eine "Chance" zu erhalten.

Man nimmt es ihm nicht krumm

Der andere Neue heißt praktischerweise ebenfalls Thomas, ist Modedesigner und ersetzt "Rolfe" als drolligen Quoten-Homo, der die total verrückte Modewelt repräsentieren und gleichzeitig Herz zeigen soll. Mit Karo-Anzug und Nerdbrille ausgestattet, nimmt man es ihm nicht krumm, wenn er vom "tollen Dekolleté" einer Kandidatin schwärmt.

Und dann natürlich Heidi Klum. Sie hat die Haare wieder schön und spielt sich selbst: Sie ist streng, sie ist immer noch schön, sie ist die Model-Mama, die es aus dem kleinen Bergisch Gladbach in die große weite Modelwelt geschafft hat - und zurück nach München, wo die sechste Staffel ihrer Modelnachwuchssuche startet. Sie sagt "ihren Mädels", wo es langgeht und inszeniert sich einmal mehr wie die Königin der Modelwelt - doch diesmal muss alles ein bisschen anders sein, damit die Show nach dem Einbruch der Quote im vergangenen Jahr zeigt, dass sie sich "neu erfindet", wie Heidi Klum es ihren Zöglingen mantrahaft vorhält.

Es muss also ein "Weltrekord" her, gleich zu Beginn ("50 Mädchen laufen in einer Stunde 175 Kilometer") - und dieser Paukenschlag, so sehen es die Macher der Sendung wohl, ersetzt das langwierige Laufsteg-Casting der bisherigen Staffelstarts: Im Badeanzug und roten Pumps sollen die 50 bereits auserwählten Modelanwärterinnen auf Laufbändern leiden, stets begleitet von dramatischen Bildern geplatzter Blasen an Jungmädchenfüßen. Pro Sieben wirbt prompt direkt im Anschluss an die Sendung auf der Homepage mit den Worte: "So extrem war ein Staffelstart noch nie." Bleibt nach der Sendung nur noch die Frage: Extrem was?