TV-Kritik: Gebt mir meine Kinder zurück Disneyland sieht anders aus

"Gebt mir meine Kinder zurück" - hinter dem Christine-Neubauer-artigen Titel steckt ein etwas unbeholfener Film über einen Vater, der seine Kinder nach Syrien verschleppt. Regisseur Ron Termaat kriegt aber am Ende gerade noch die Kurve.

Von Karin Steinberger

Man kann natürlich sagen: Vorsicht, nicht schon wieder so ein Film wie 1991 das Gute-Amis-schlechte-Moslems-Drama Nicht ohne meine Tochter mit Sally Field in der Hauptrolle. Damals war das Totschlagargument: Ist doch eine wahre Geschichte, der Film beruhte schließlich auf der Autobiographie der Amerikanerin Betty Mahmoody. Aber auch wahre Geschichten können einen Drall bekommen und so einseitig und ungerecht erzählt werden, dass sie auf ihre Weise schon wieder unwahr werden.

Nizar (Huseyin Cahit Ölmez) will seine Ex-Frau Hanne (Karina Smulders) zurückgewinnen - und entführt die gemeinsamen Kinder nach Damaskus.

(Foto: © Talent United Film/Rene Höcker)

Also schon wieder eine wahre Geschichte. Die Holländerin Hanne Veenhoven (Karina Smulders) heiratet den Syrer Nizar Zalaq (Huseyin Cahit Ölmez), sie bekommen zwei Kinder, trennen sich, die Frau bekommt mit ihrem neuen Mann Zwillinge, und aus irgendeinem Grund, den man nie erfährt, dreht der Ex durch und bringt die zwei älteren Kinder Bibi und Azim nicht ins Eurodisneyland, wie versprochen, sondern nach Damaskus. "Wo fahren wir hin?", fragt die Tochter. Gute Frage.

Auch wenn der Film mit dem Christine-Neubauer-artigen Titel Gebt mir meine Kinder zurück am Anfang eher unbeholfen daherkommt, weil er mit dem ewigen Hin- und Her-Gehopse zwischen Syrien und Holland keiner Figur Zeit und Raum lässt, sich auch nur ansatzweise zu entwickeln: Das Thema ist ein Thema, solche Fälle gibt es. Und Regisseur Ron Termaat schafft es dann am Ende doch noch, den Charakteren ein Innenleben zu geben.

Aber durch das Gehopse muss man erst einmal durch. Schnitt Holland. Die Frau will von der Polizei wissen, ob ihre Kinder hier wirklich bedroht wurden, wie ihr Ex jetzt behauptet. Der Polizist gibt ihr daraufhin nur ein Heftchen: Gestohlene Kinder. Schnitt Syrien. Die Tochter steht im Klo, Kakerlake an der Wand, und will zur Mama. Schnitt Holland. Schnitt Syrien. Die Schauspieler bewegen sich wie Darsteller in einer Nachmittags-Soap. Etwa wie die Familie am Flughafen wartet, weil er versprochen hat, die Kinder zurückzubringen. Wie sie da stehen, lustige Luftballons in der Hand, als längst kein Passagier mehr kommt. Und damit auch jeder begreift, jetzt wird's traurig: Musik.

Immerhin, irgendwann werden die Szenen subtiler, die Umrisse schärfer. Der Vater, ein Zerrissener, der die Kinder tröstet und sie in den Arm nimmt. Und dann demütigt er sie wieder. Sie haben ja nur noch ihn. Und die Mutter kämpft wie eine Mutter, aber um sie herum löst sich ihr Leben auf, der Ehemann verlässt sie, die Eltern schweigen. Und die Kinder entgleiten ihr in der Fremde immer mehr.

Wie so oft fallen die entscheidenden Worte beim Friseur: "Vielleicht hättest du keinen Araber heiraten sollen", sagt die Friseuse. "Ich hätte nicht diesen Araber heiraten sollen", sagt Hanne. Dann kommen die langen blonden Haare weg. Und mit der neuen Frisur kommt für sie die Erkenntnis, die Katharsis und die alles entscheidende Wendung.

Gebt mir meine Kinder zurück, Arte, Freitag, 20.15 Uhr.