TV-Kritik: Extrem schön Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins

Kinder berühmter Eltern berichten über deren Verfall, junge Menschen lassen sich für die Sendung "Extrem schön" unter Schmerzen umoperieren: Wie weit darf die Prostitution des Elends noch gehen? Eine kleine Nachtkritik.

Von Ruth Schneeberger

Die Frau im Fernsehen ist nackt bis auf die Unterhose, obwohl sie ihren Körper so gar nicht leiden mag. Was sie am meisten an ihm verabscheut, ist der Bauch. Um das zu zeigen, schüttelt sie ihn kräftig. Die Kameraleute und Schnitttechniker von RTL II haben aus dieser Szene ein wiederkehrendes Motiv für die Sendung Extrem schön! am Dienstagabend gemacht. Immer wieder wird die so benannte "Fettschürze" geschüttelt - auf dass auch der letzte Fernsehzuschauer merkt: Das ist nicht schön.

"Extrem schön": Vorher-Nachher-Fotos von Kandidatin Karin. In der Sendung werden gerne und ausdauernd Ganzkörperbilder präsentiert - von verformten Brüsten, hängenden Bäuchen und sonstigen operativ zu bearbeitenden Problemzonen.

(Foto: RTL 2)

Unschön auch die Bilder von entstellten Brustwarzen, die verfeinert, von Oberschenkeln, die abgesaugt, von Brüsten, die ausgepolstert und von Hakennasen und Kiefern, die gebrochen werden. Die Sendung Extrem schön! Endlich ein neues Leben kennt nur diese Themen.

Die erste deutsche TV-Sendung, in der vermeintlich hässliche Entlein nicht nur umgemodelt, sondern in der Menschen richtig umoperiert werden, läuft nun in der dritten Staffel. Damit die Quote wächst, wurde das Konzept geändert: Die Protagonisten sollen noch mehr von ihrem Leid berichten - bevor sie sich fürs Fernsehen unters Messer begeben.

Also wird ausführlichst erzählt, dass Karins Unterkiefer nicht zum Oberkiefer passt und dass die 28-jährige Anett Angst hat, ihr 25-jähriger Freund würde sie mit seinen Pornos vergleichen und mit der Nächstbesten betrügen, weil ihr Bauch nach den Schwangerschaften so fies aussehe und sie sowieso wegen ihrer Warzen und der großen Nase gehänselt wird.

Das wird in der Folge nicht ein-, nicht zwei-, nicht dreimal, sondern immer wieder besprochen, unterbrochen von unvorteilhaften Nahaufnahmen der zahlreichen Problemzonen vor und unmittelbar nach der Operation - und erst zum Schluss der Sendung dürfen die "neue Karin" und die "neue Anett" ihre Familien im verwandelten Zustand in die Arme schließen.

Man fragt sich als Zuschauer in den Minuten pathetischen Schlussakkords, ob sich nun der Rest der Familie nicht auch besser unters Messer legen sollte, um dem chirurgisch angepassten Neustandard zu entsprechen. Allerdings sind es bisher eher Frauen, die sich vom Fernsehen "neu erschaffen" ließen.

Man kann das alles mit Harald Schmidt als "Unterschichten-TV" abtun, darauf hoffen, dass sich die eigenen Kinder niemals Dienstagabend zu RTL II verlaufen, oder auch meinen, das gehe einen nichts an. Der Punkt ist aber ein anderer.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wer wessen Würde verkauft.

Schön extrem

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Als "Pornos der Hochkultur" betitelte stern.de am Montag die Bücher über demenzkranke Väter, die gerade Furore machen: Nach Tilman Jens und Arno Geiger hat mit Katja Thimm ein weiteres Prominentenkind den geistigen Verfall des Vaters beschrieben. Der Kritiker mahnte, das sei unlauter - weil man nicht wissen könne, ob das den Erkrankten eigentlich recht sei, dass ihre Kinder öffentlich deren Würde verkaufen.

Wenn dem so ist, dann sind Sendungen wie Extrem schön! die Pornos des Prekariats. Glaubt man den Ausführungen in der Sendung, leiden die meisten RTL II-Protagonisten ein Leben lang an ihren körperlichen Unzulänglichkeiten - offenbar so sehr, dass es ihnen rein gar nichts ausmacht, fast komplett nackt ihre körperlichen Makel ausleuchten zu lassen, auf dass sich der Fernsehzuschauer tüchtig ekelt. Denn nur die härtesten Fälle dürfen zur Umoperation. Am besten total.

Wer das finanziert, ob nun der Sender, die Krankenkasse oder die in der Sendung beworbenen Ärzte und Schönheitskliniken, wird im TV nicht benannt. Sicher ist aber: Die Sendung lebt davon, ihren Protagonisten vorzugaukeln, TV sei der liebe Gott, der sie aus lebenslangem Elend befreit. Der Leidtragende ist der ohnehin Leidende.

Man kann all diesen traurigen Gestalten die Erfüllung ihres vermeintlichen Glücks gönnen. Doch für die Öffentlichkeit bedeutet diese unappetitliche Sendung nur die notwendige Steigerung all der TV-Formate, die sich schon seit Jahren vorwiegend auf den privaten Sendern an menschlichen Unzulänglichkeiten aufgeilen. Nichts ist mehr privat, das Fernsehen ist in die intimsten Sphären seiner Zuschauer eingedrungen. Und es zeigt sie mittlerweile in Endlosschleife.

Womit sich die Macher stets verteidigen, ist, dass sie die Probleme der Menschen ernst nehmen und thematisieren würden. Genau das tun sie aber nicht: In früheren Zeiten wurden Kleinwüchsige und "Elefantenmenschen" im Zirkus vorgeführt. Nun kann ihnen mittels technischer Innovation geholfen werden, sagen die Verteidiger der Sendung.

Doch das ist Augenwischerei: Allein die Tatsache, dass die scheinbaren "Schwäne" am Ende nur ein paar Minuten lang glücklich im Kreise ihrer Familien gezeigt werden, der Rest der Sendung aber mit ihren geschundenen Körpern bestritten wird, zeigt, worauf es hier ankommt: auf das Ausschlachten ihres Elends. Wie sie im Nachhinein mit ihrem veränderten Schicksal klarkommen, interessiert dann längst nicht mehr.

Wie weit soll die Zurschaustellung menschlicher Unzulänglichkeiten im TV noch gehen? Der Fall "Maddie" in Großbritannien hat gezeigt, dass Boulevardjournalisten sich längst krimineller Methoden bedienen, um die schiere Sensationslust ihrer Leser zu bedienen und am schwer umkämpften Markt des Boulevards zu bestehen - und erst nach und nach wird klar, inwieweit Medienbosse, Polizei, Politik und Gesellschaft involviert sind.

Welche Rolle die Leser dieser Geschichten dabei spielen, auch damit wird sich die britische Öffentlichkeit noch befassen müssen. Denn das Ausschlachten menschlichen Leids ist zu einem bestimmten Teil auch der menschlichen Natur geschuldet: Solange es Konsumenten gibt, die diese Geschichten sehen und lesen wollen, wird die Sensationslust auf die eine oder andere Weise und von unterschiedlichsten Anbietern immer wieder befriedigt werden.

Verantwortungsbewusstsein sieht anders aus. Womöglich ist es uns im großen Stil abhandengekommen. Das Leiden anderer Menschen jedenfalls kann man im Fernsehen mittlerweile mit dem täglichen Abendbrot konsumieren. Und niemand regt sich mehr darüber auf, solange es nur halbwegs geschickt in eine vermeintliche Helferperspektive verpackt ist.

Apropos: Die Sendung war im Kampf um Marktanteile ein Quotenhit für RTL II: 11,3 Prozent der werberelevanten Zuschauer sahen gestern zu. Eine für den Sender vermutlich begrüßenswerte Steigerung um fast drei Prozentpunkte.