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TV-Kritik:Ewige Sünde

Edgar Selge und Franziska Walser als fundamentale Christen im ARD-Film "So auf Erden".

Johannes Klare weiß, wie er die Menge mitreißt. Der Prediger einer freikirchlichen Gemeinde läuft auf und ab, seine Augen haben dieses Glühen. Vom ruhigen Dozieren zum Thema "die zerstörerischen Angriffe der Lust" leitet er zu dem Teil über, bei dem sich die Gemeinde geschmeichelt fühlen und mitmachen darf. Jubel bricht aus, als er sein Publikum als einzigartige Gottesgeschöpfe bezeichnet und das mit einem kräftigen "Amen" unterstreicht.

Die SWR-Produktion So auf Erden folgt Johannes und seiner Frau Lydia in ein Leben, das aus Beten, Singen, Predigen und Missionieren besteht. Das Ehepaar sammelt Spenden, um eine richtige Kirche für die Gemeinschaft zu bauen. Mit dem Geld kommen Konflikte. Ein großzügiger Geber will die religiösen Regeln nach seinem Sinn ausgelegt sehen. Die Klares aber bleiben Überzeugungstäter. Da ist es fast ein Glücksfall, als sie dem drogensüchtigen Straßenmusiker Simon begegnen und ihn bei sich aufnehmen: endlich ein verlorener Sohn. Ob Gebete beim Entzug guttun, ist aber bald nicht mehr die Hauptfrage. Denn Simon ist offen schwul; eine Sünde, Johannes verspricht Heilung. Doch dann entwickelt er selbst Gefühle für Simon.

FilmMittwoch im Ersten

Johannes Klare (Edgar Selge) als Prediger, der sich in einen Mann verliebt.

(Foto: SWR/Eikon Südwest/Christiane Pausch)

Der Fernsehfilm unter der Regie von Till Endemann nimmt sich viel Zeit, um den Alltag einer fiktiven freikirchlichen Gemeinde begreifbar zu machen. Die Klares könnten wegen ihrer immer ein wenig zu pathetisch und euphorisch vorgetragenen Bibelzitate für alle, die nicht Teil einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft sind, leicht albern wirken. Doch das tolle Schauspiel von Edgar Selge und Franziska Walser, die auch im echten Leben miteinander verheiratet sind, macht auch das zum authentischen Ausdruck der Charaktere. Statt wie häufiger bei Geschichten in diesem Milieu die Gläubigen als Fanatiker oder Scharlatane zu überführen, geht es hier darum zu zeigen: Die sind so.

Nachdem aber nun dieses Umfeld sorgfältig etabliert wurde, bleibt für den Konflikt des Religionsverständnisses mit den persönlichen Gefühlen der Gläubigen kaum noch Zeit. Die Praxis, Homosexualität als Krankheit heilen zu wollen, die alleine schon ganze Filme füllen könnte, bekommt zum Beispiel wenig mehr als eine Montagesequenz gewidmet. Die Geschichte kann so nie aus der Perspektive eines schwulen Priesters erzählt werden, der mit seinem Glauben hadert, sondern stets aus der eines Gläubigen, der gegen sein homosexuelles Verlangen kämpft wie der Junkie gegen seine Sucht. Das Ergebnis des Films wäre so schließlich sogar mit mancher reaktionäreren Bibelauslegung kompatibel: Homosexualität bleibt bis zum Ende Sünde - die wahren Gläubigen unterscheidet von den harten Fundamentalisten nur, dass erstere versuchen, die angebliche Sünde zu vergeben.

So auf Erden, Das Erste, 20.15 Uhr.