bedeckt München 23°
vgwortpixel

TV-Kritik "Die große Welt der kleinen Menschen":Respekt? Schwierig

Für manche Protagonisten mag es gut sein, zeigen zu können, was alles in ihnen steckt, und damit Vorurteilen begegnen zu wollen, wie etwa Michael Arriens im Interview auf der Sat 1-Homepage zitiert wird. Sat 1 wird damit allerdings den journalistischen Ansprüchen einer Doku nicht gerecht. Auch wenn viele Behinderte nichts schlimmer finden als eben als nicht normal betrachtet zu werden, und in der Tat gibt es gute Gründe dafür, den Begriff "normal" erheblich auszuweiten. Aber: Es gibt noch zu viele Probleme, über die berichtet werden muss, bevor man den Weichzeichner über diese Welt legen darf.

Die 25 schlimmsten TV-Serien

Zu schlecht für diese Welt

Schlimmer aber noch ist die versteckte Häme, mit der auch diese Sendung - wie in den meisten anderen Formaten dieser Art - den Protagonisten zu Leibe rückt. Nahezu unsichtbar für den, der sich an sowas nicht stört - aber unerträglich für denjenigen, der zwischen den Zeilen zu lesen weiß. Da werden die beiden Kleinwüchsigen Eike und Ulf als "große Hundefreunde" untertitelt, die Kamera fängt die 88 cm kleine Protagonistin in den denkbar ungünstigsten Positionen ein, so dass der Kopf überdimensioniert und der Körper noch kleiner wirkt. Und auch der Ton macht die Musik: Ein Lied mit dem Refrain "Don't bring me down" unter eine Szene mit Kleinwüchsigen zu legen, ist der Redaktion vielleicht lustig vorgekommen. Ist es aber nicht. Alles für den Show-Effekt. Die Betroffenen werden vorgeführt. Wenn auch auf ziemlich subtile Weise. Das macht es nicht besser.

In den USA läuft gerade eine neue Sendung an: Ein siamesisches Zwillings-Pärchen wird in seinem Alltag begleitet. Der Zuschauer sieht in "Joined Life" auf TLC, wie Abigail und Brittany, die sich Leber und Blase teilen, aneinandergewachsen durchs Leben gehen. Es bleibt abzuwarten, ob es dieser Sendung gelingt, mit der nötigen Feinfühligkeit auf das Thema einzugehen, damit es eben nicht effekthascherisch verkauft wird. Die Berichterstattung allerdings macht zumindest schon mal ein bisschen Hoffnung: Zwar schreibt der dpa-Reporter, es könne "keinem Menschen verübelt werden", wenn er "der Frau mit den zwei Köpfen" auf der Straße hinterherstarre. Doch die Zwillinge selbst dürfen betonen, dass sie dafür Verständnis aufbringen - solange ihnen ein Mindestmaß an Respekt entgegengebracht werde. Weshalb in dieser Sendung auch das Problem thematisiert wird, dass die beiden Schwestern sich ein Gehalt teilen sollen. Die New York Daily News schreibt: "Wenn die erste Folge vorbei ist, wird sich die Neugier in Bewunderung verwandelt haben."

Hierzulande scheint das eher schwierig zu sein mit dem Respekt und der Bewunderung. Und das Thema wird in falschen Formaten behandelt. RTL II leistete sich im August beispielsweise nur eine Folge der als Serie angedachten Doku "Go West!". Eigentlich sollte Familie Liebisch aus Erfurt, bekannt aus dem Format "Frauentausch", Las Vegas erobern. Es blieb dann aber doch bei der Pilotfolge. An fehlendem Zuspruch muss es nicht unbedingt gelegen haben. Die erste Folge hat allein im Netz schon fast 100.000 Aufrufe und über 800 Facebook-Empfehlungen. Vielleicht war dem Sender die eigene Sendung dann aber doch zu peinlich. Nachvollziehbar wäre es. Ein Format, das allein darauf setzt, wie ulkig der ebenfalls kleinwüchsige Familienvater ist, ist vor allem eines: schäbig.

Affektfernsehen und Öffentlichkeit

Man kann die Sender zwar einerseits verstehen: Wenn mit vergleichsweise geringen Produktionskosten immer wieder hohe Quoten erzielt werden, bestimmen Nachfrage und die Ausstattung in TV-Redaktionen eben das Programm. So funktioniert das auch in anderen Ländern, Deutschland bildet da keine Ausnahme. Das Problem ist nur: Wir befinden uns seit Jahren in einer Abwärtsspirale, die die Ansprüche immer weiter nach unten drückt. Schleichend hat sich der Zuschauer längst daran gewöhnt, das Elend anderer Menschen zum Abendbrot serviert zu bekommen - und findet es inzwischen normal.

Vor ein paar Jahren galten einzelne Formate noch als Schocker (2009 beschäftigte RTL mit der Teenie-Baby-Doku "Erwachsen auf Probe" sogar Politik und Gerichte) oder Tabubruch (Dieter Bohlens herablassende Äußerungen gegenüber Teenagern bei "Deutschland sucht den Superstar" beschäftigten jahrelang die Landesmedienanstalten). Doch inzwischen scheint jedes Mittel recht zu sein, auf billige Art und Weise Aufmerksamkeit zu erzielen. Dass wir inzwischen ganz unten angekommen sind mit dem Fernsehprogramm, zeigen die aktuellen Sendungen. Spätestens mit der Zurschaustellung von Behinderten im TV sind nun alle Dämme gebrochen.

Schon mit der Ausstrahlung von "Villa Germania" im Sommer wurde klar: Gesendet werden darf inzwischen alles, und sei es noch so geschmacklos. Das wirklich Schlimme ist aber, dass all diese Sendungen Themen behandeln, die eigentlich Aufmerksamkeit verdienen - nur leider auf die völlig falsche Art. "Affektfernsehen" wird in der Medienpsychologie der zunehmende Drang genannt, Formate auf Einzelschicksale, emotionale Befindlichkeiten und die Überschreitung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit zu fokussieren. Affekt aber ist in diesem Zusammenhang das Gegenteil von Intellekt - man könnte auch sagen: Verdummung.

Top Ten - Stimmen Sie ab!

Die absurdesten Peinlichkeiten im TV