Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: Anne Will:"Möglichst rascher Ausstieg"

Bundesumweltminister Norbert Röttgen laviert, drückt sich um die entscheidenden Fragen zum Atomausstieg herum - und Anne Will reagiert wenig entschlossen. Doch dann kann sie ihm doch noch einen richtungsweisenden Satz abringen.

Von Norbert Röttgen, dem Bundesumweltminister, dem wegen seiner angeblichen Prinzchen-Rolle im Kabinett von Angela Merkel in Berlin der spöttische Spitzname "Muttis Liebling" anhaftet, darf man einfach keinen Klartext erwarten. Der Debatten-Profi, der mit dem Wechsel von der rundlich-unbedarften Lennon-Brille zu den schwarzrandigen, strengeren Augengläsern Kante gewinnen wollte, ist tatsächlich ein Spitzenpolitiker im Wenig-Sagen - mit ausnehmend vielen Worten. Ihn in die wohl brisanteste Talk-Runde dieser Tage einzuladen und dann fast gar nicht reden zu lassen, weil die wichtigen Fragen zu lange an ihm vorbeigehen, ist ärgerlich und eine vertane Chance.

Buchstäblich in den letzten Sende-Sekunden der auf die Schnelle umgeplanten Gesprächssendung, die sich das hochaktuelle Thema "Katastrophe in Japan - der mögliche Super-GAU und die Folgen" gewählt hatte, konnte Moderatorin Anne Will dem auch in höchster Not versierten Ausweichexperten eine richtungweisende Formulierung abringen. Auf die hatten viele Zuschauer, die von den Hiobsbotschaften und Horrorbildern der Sondersendungen fast schon traumatisiert sein dürften, gewartet: Nach langem Lavieren sprach Röttgen endlich offen aus, dass es jetzt an der Zeit sei, "möglichst schnell aus dieser Kernenergie herauszukommen".

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gesprächsrunde, zu der Wills Redaktion mit dem japanischen Botschafter Takahiro Shinyo und dem Bundesminister zwei Hochkaräter eingeladen hatte, schon fast die gesamte einstündige, sehr durchwachsene Sendung ausgesessen.

Wills Talk räumte der Betroffenheit viel Platz ein und litt stark darunter, dass nicht nur weiterhin sehr ungewiss bleibt, was in den japanischen Unglücksreaktoren nach der furchtbaren Erdbeben- und Tsunamikatastrophe tatsächlich passiert ist, sondern auch darunter, dass alle Antworten, wie es mit der Nutzung der Kernenergie weltweit weitergehen soll, schwammig blieben.

Nur Botschafter Shinyo ließ keinen Zweifel daran, dass man in Japan auch nach den hoffentlich rasch bewältigten Unglücksszenarien in den Atomkraftwerken zwar aus Fehlern lernen, aber an der Weiterentwicklung der Technologie festhalten möchte. Dagegen wählte Röttgen - wie zuvor schon die Kanzlerin selbst - wolkige Formulierungen, die Interpretationen offenlassen und in akuter Wahlkampf-Not schnellen Festlegungen aus dem Weg gehen.

Von einer "Weltveränderung, die wir aufnehmen müssen", sprach der Minister und mahnte eine selbstverständlich "verantwortliche Debatte" über Gremien, Gruppierungen und Grenzen hinweg an - eine globale, natürlich. Für die Ängste um den sich abzeichnenden Kernschmelze-Prozess in den Kraftwerken und das Albtraumszenario, dass 25 Jahre nach Tschernobyl erneut im großen Umfang Radioaktivität freigesetzt werden könnte, griff Röttgen zu einer Sprachschablone, wie sie nur Berufsbürokraten einfallen kann, die an die Beherrschbarkeit der Welt durch Worte glauben: Er sprach von einer "ganz neuen Qualität von Sicherheitserfahrung", die eine neue Diskussion über die Zukunft der Kernernergie anstoßen wird.

Die rund 60.000 Anti-Atomkraft-Demonstranten, die am Vortag eine Menschenkette vom AKW Neckarwestheim nach Stuttgart gebildet hatten, formulieren jedenfalls deutlich griffiger: In einem Filmbeitrag, den Will einspielen ließ, hallten die "Abschalten"-Sprechchöre deutlich vernehmbar in ihr Berliner Studio herüber. Doch immerhin gab es mit der Filmemacherin Sigrid Klausmann-Sittler, die selbst an der baden-württembergischen Großdemonstration teilgenommen hatte, eine Talk-Kombattantin in der Runde, die sich traute, deutliche Worte für ihre Herzensangelegenheit zu wählen. "Die Atomindustrie ist eine menschenverachtende", sagte sie und plädierte entschieden dafür, statt der von der Berliner Koalition beschlossenen Laufzeitverlängerung, die den deutschen Kernkraftwerken den Betrieb bis zum Jahr 2036 erlaubt, den radikalen Atomausstieg rasch anzugehen.

"Manchmal muss einer anfangen", konterte Klausmann-Sittler den Einwurf, dass weltweit wenigstens bis vor der Japan-Katastrophe die Atomenergie auf dem Vormarsch war. "Wie häufig sehen die Leute nach Deutschland", warb sie für eine Signalwirkung des Ausstiegplans.

Doch auch der ihr von Anne Will zugeordnete Gegenspieler outete sich als Mann klarer Worte - und als angriffslustiger bis offen verletzender Polarisierer: Ausgerechnet Wolfgang Herles, bislang Redaktionsleiter und Moderator der ZDF-Kultursendung Aspekte und künftig oberster Mainzer Bücherwurm, überraschte als Fürsprecher der Koalitionslinie.

Er käute die Floskel von der "notwendigen Übergangstechnologie" wieder, mit der Angela Merkel bislang für die Laufzeitverlängerungen der 17 deutschen AKWs warb. Außerdem kanzelte er den Wunsch, auf Kernkraft-Alternativen zu setzen, pauschal als "deutschen Idealismus" ab und unterstellte Klausmann-Sittler damit Naivität und Gestrigkeit. Besonders ausfällig wurde Herles, als er den in seiner Kernkraft-Skepsis durchaus bedächtig formulierenden Wolfgang Huber ("diese Technik ist nicht fehlerfreundlich"), einst Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, des Moralisierens bezichtigte. Außerdem hielt Herles Huber vor, dass dessen Argumente nicht deswegen höherrangig wären, weil der Pensionist früher Bischof war.

Was er damit eigentlich genau meinte und warum er den Theologen so ruppig anging, darüber hätte Will ihrem TV-Kollegen eine Erklärung abverlangen müssen. Doch die Moderatorin, die eine erst spät leidenschaftlicher gewordene Runde lange laufen ließ, hielt sich zurück und gab der Diskussion so zu wenig Kontur. Erst ganz spät wagte sie sich selbst mitten hinein in den Streit.

Röttgen stellte sie die Frage, auf die der Abend zugeschnitten war, erst nach viel zu viel Vorgeplänkel: Anne Will wollte von ihm wissen, ob die Ereignisse in Japan den "finalen Schlag" für die Atomkraft in Deutschland bedeuteten. Röttgen antwortete, wie er zu debattieren gelernt hat: "Das ist jetzt nicht die Frage", versuchte er auszuweichen.

"Doch", gab Will entschlossen Paroli - und vergaß in der berechtigten Freude über den rhetorischen Punktsieg, Röttgen tiefer in die Karten zu blicken. Als wirklich fast gar keine Sendezeit mehr blieb - und Will mit Blick auf die Studiouhr zur Eile drängte -, rächte sich, dass zuvor in der Sendung beinahe das Wichtigste vertändelt worden war. Ob ausgerechnet Anne Wills Talk der richtige Ort war, noch einmal die aus den Nachrichten bekannten TV-Bilder des Schreckens breit Revue passieren zu lassen, bleibt dahingestellt.

Und am Computer von einer in Tokio lebenden Deutsch-Japanerin per Skype-Bildtelefonie zu erfahren, dass viele Ortsansässige die Gefahren unterschätzten, die meisten Ausländer aber nahezu hysterisch reagierten, war ein interessanter Zusatzaspekt, der jedoch das eigentliche Debatten-Thema des Talks nur streifte und in einer anderen Sendung besser aufgehoben gewesen wäre.

Stattdessen hätte Will Norbert Röttgen stärker in die Zange nehmen müssen - so schwierig das auch ist. Zum Abschluss blieb dem Minister als Schlusswort der vage Ausblick auf einen "möglichst raschen" Ausstieg - und da hätte die Sendung eigentlich durchstarten, nicht enden müssen. Klartext ist nämlich etwas anderes. Eine wirklich entschlossene Talk-Moderation auch.

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