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TV-Kritik: Anne Will zu den Wahlen:Reifenwechsel bei voller Fahrt

Überraschend sachliche Debatte über die Konsequenzen des Wahldebakels: Heiner Geißler macht durchaus kreative Vorschläge, Jakob Augstein erinnert an Gerhard Schröder, nur Klaus Wowereit ist unerträglich gut gelaunt.

Der bemerkenswerteste Satz in der TV-Runde bei ARD-Morderatorin Anne Will fällt schon, ehe die Sendung überhaupt begonnen hat. Zwischen Tatort und Talk hat die ARD, wie an solchen Wahlabenden üblich, eine Extra-Ausgabe der Tagesthemen plaziert, mit neuesten Zahlen und Ergebnissen. Aber bevor der Moderator Tom Buhrow in Hamburg übernehmen darf, gibt es ein kurzes Gespräch zwischen Anne Will und Heiner Geißler, dem Schlichter bei Stuttgart 21. Es ist ein Vorgeschmack auf die anschließende Diskussion, gewissermaßen ein Appetithäppchen für die Zuschauer, falls es dessen überhaupt bedarf an solch einem denkwürdigen Wahlabend.

Anne Will bekommt neuen Sendeplatz - doch welchen?

Anne Will diskutiert am Sonntagabend mit ihren Gästen über die beiden Wahlen.

(Foto: dpa)

Will fragt nach den Wutbürgern, die wohl die Wahl in Baden-Württemberg entschieden haben und die zu großen Teilen dem eher bürgerlichen Lager angehören. Ob es mutig gewesen sei von denen, die Macht in die Hände der Grünen zu geben. "Ja, es war mutig und es war auch richtig", sagt Geißler.

Für all diejenigen, die es vielleicht vergessen haben: Heiner Geißler ist Mitglied der CDU. Zwar ist er als Querdenker bekannt, der öfters Meinungen vertritt, die konträr zur herrschenden Lehre der Partei stehen, aber dieser Satz lässt trotzdem aufhorchen. Ist das die klammheimliche Freude darüber, dass die atomfreundliche Mappus-CDU abgewählt wurde?

Geißler, der aus Baden-Württemberg stammt, aber heute in Rheinland-Pfalz lebt, wird die Wirkung dieses Satzes etwas revidieren im Laufe der Sendung. Er wird Angela Merkel loben für das dreimonatige Atom-Moratorium, Umweltminister Norbert Röttgen als "besten Mann" bezeichnen und auch auf Nachfrage nicht als "Betonkopf". Dennoch wird man als Zuschauer den Eindruck nicht los, dass Geißler, wenn er in seinem Heimatland zur Wahl aufgerufen gewesen wäre, zumindest kurz überlegt hätte, ob das noch seine CDU ist, der er guten Gewissens seine Stimme geben kann.

Zunächst geht es allerdings nicht um das Seelenleben von Heiner Geißler, sondern um die Folgen des Wahldebakels für die Regierung Merkel und die Konsequenzen für die Atompolitik. Es entwickelt sich eine überraschend sachliche Debatte, gemessen jedenfalls daran, mit welch harten Methoden die Wahlkämpfe in den vergangenen Wochen geführt wurden.

Der Journalist und Verleger Jakob Augstein zieht Parallelen zwischen der jetzigen Situation von Schwarz-Gelb und der Lage der SPD nach der verlorenen NRW-Wahl 2005. Damals trat Gerhard Schröder die Flucht nach vorn an und führte Neuwahlen herbei. Diesen Weg empfiehlt Augstein auch Angela Merkel, denn dann könne sie eine Neuauflage der großen Koalition versuchen, in der sie ohnehin viel erfolgreicher gewesen sei.

Einen völlig anderen Weg schlägt wiederum Geißler vor. Er fordert von seiner Partei, die Option Schwarz-Grün endlich ernsthaft in den Blick zu nehmen. Es sei ein ganz schwerer Fehler gewesen, dass man alle Brücken zu den Grünen abgebrochen habe. Gefühlte zehn Minuten Redezeit verbringt er später damit, auf die FDP zu schimpfen, die schuld sei am schlechten Erscheinungsbild der Regierung in Berlin. Die Liberalen hätten sich zu einer wirtschaftsradikalen Kraft entwickelt und mit der guten alten Bürgerrechts-FDP von früher nichts mehr gemein.