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TV-Kritik: Anne Will:Kranksein muss sich wieder lohnen

Gesundheits-Runde bei Anne Will: Privatkassen-Fan Tichy haut auf den Tisch, der SPD- und der CDU-Mann beharken sich und die FDP? Drückt sich.

Bastian Brinkmann

Am Anfang steht der Tadel von der Moderatorin: Es sei doch durchaus bemerkenswert, meint Anne Will gleich zu Beginn ihrer Sendung, dass sämtliche angefragte Gäste der FDP abgesagt hätten. Der liberale Bundestagsabgeordnete Martin Lindner war vom Sender schon als Gast angekündigt worden, er fehlt in der Runde.

Anne Will bekommt neuen Sendeplatz - doch welchen?

Wohin geht es mit der Gesundheitsreform, will Anne Will wissen und fragt in ihrer Sendung: "Solidarität ade - Fördert Schwarz-GElb die Zwei-Klassen-Medizin?"

(Foto: dpa)

Das Thema, vor dem die Liberalen offenbar zurückscheuen, lautet: "Solidarität ade - Fördert Schwarz-Gelb die Zwei-Klassen-Medizin?"

Eigentlich müssten sich die Freidemokraten ja gerade bei dieser Causa zu Wort melden, schließlich stellen sie mit Philipp Rösler den Gesundheitsminister. Und aktuell ist das Thema ohnehin, wie Will verkündet: Das Kabinett wolle sich kommenden Mittwoch wieder einmal eine "Gesundheitsreform vorknüpfen". Die CDU schickte einen Mann zu Anne Will ins Studio: Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion. Neben ihm sitzt Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche und Vorkämpfer für das Privatpatiententum.

Und dann ist da noch Volker Laienbach. "Er ist der Chef-Lobbyist der privaten Krankenversicherung", kündigt ihn Will an und das klingt ziemlich böse.

Ihre Opponenten: Karl Lauterbach, den SPD-Mann mit der Fliege, ohne den es offenbar keine gesundheitspolitische Fernsehrunde geben kann. Ihm steht Ines Pohl zur Seite, Chefredakteurin der taz, Fahrradfahrerin und gesetzlich Versicherte, wie sie beteuert.

Zunächst kabbeln sich Lauterbach und Spahn. Der Sozialdemokrat will die Bürgerversicherung, CDU-Mann Spahn hält dagegen. Das Publikum klatscht, eins zu null Lauterbach. Die Menschen werden älter, sagt Lauterbach, das dürfe man nicht ignorieren. Medizinischen Fortschritt gebe es nicht geschenkt. "Die Kosten steigen ja nicht beim Hustensaft", erwidert Spahn, "sondern bei Krebsmedikamenten."

Und dann erklärt er das, was niemand so gerne hören will: "Gesundheit wird teurer werden." Spahn analysiert auch gleich noch die gegenwärtige Situation: "Die Trennlinie zwischen gesetzlich und privat wird vom Bürger nicht akzeptiert." Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

taz-Chefin Pohl schaltet sich ein. Sie ist wie Lauterbach für die Bürgerversicherung und will die privaten Kassen abschaffen. "Nur eine Zwangsversicherung ist solidarisch", sagt sie.

Spahn versucht zu erklären, warum das Modell der schwarz-gelben Regierung auch solidarisch ist. Und der Christdemokrat holt dafür weit aus: Es habe etwas mit Ausgleichszahlungen zu tun, mit Ausgleichszahlungen für die finanzschwachen Mitglieder der Gesetzlichen, die die steigenden Beiträge nicht mehr stemmen können, deswegen also die Ausgleichszahlungen, die nun aus Steuergeldern finanziert werden, und zu den Steuerzahlern gehören ja nun mal auch die Privatversicherten, die quasi den Sozialausgleich mitbezahlen.

Alles klar?

"Da müssen wir auch mehr erklären", sagt der CDU-Mann. "Das passt nicht in Überschriften."

Das wiederum lässt der Chef der Wirtschaftswoche nicht gelten. "Die Politik versagt seit zehn Jahren systematisch", schimpft Tichy. Den Vorwurf, dass Privatpatienten in Deutschland bevorzugt werden, hält der Privatpatient Tichy für eine Lüge: Ärzte würden jeden gleich behandeln, egal wie die Chipkarte aussieht. Alles andere hält er für abwegig, behauptet er.

Tichy grummelt weiter: Gesetzlich Versicherte hätten kein Kostenbewusstsein. "30 Prozent der Medikamente werden weggeschmissen." Eine Neiddebatte wolle er natürlich nicht, sondern richtige Reformen. Es könne nicht angehen, dass im jetzigen System ein Mensch isst, Alkohol trinkt und raucht - und am Montag blaumacht, um sich auf Kosten der Gemeinschaft wieder aufzupäppeln.

Erst nach 17 Minuten darf Lobbyist Laienbach auch einmal etwas sagen. Es findet - und das überrascht kaum - das deutsche Gesundheitssystem gewissermaßen spitzenmäßig, die Grundversorgung erste Sahne, nur drückt er sich gewählter aus. Der Dank dafür gelte natürlich den Privatpatienten, die die Top-Ärzte bezahlen, die dann auch mal beim gesetzlich Versicherten ein Auge zudrücken und einen Arm einrenken.

Zum Stichwort Zwei-Klassen-Gesellschaft sagt Laienbach, dass es in einer freien Gesellschaft doch möglich sein muss, Zusatzleistungen zu kaufen. Einzelzimmer und Chefarztbehandlung gegen Cash.

Kranksein muss sich wieder lohnen. Das wird man in Deutschland doch noch sagen dürfen.

© sueddeutsche.de/bbr/berr

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