bedeckt München 26°

TV-Kritik: Anne Will:Kick mit Kik

Leistungsbereitschaft gegen Schmarotzertum: Bei Anne Will wurde die Hartz-IV-Debatte aufgewärmt, vor allem von einer Journalistin und einem Pastor. Dann kamen die Arbeitsverhältnisse beim Textil-Discounter Kik zur Sprache.

Natürlich gebe es nicht den Typus Hartz-IV-Empfänger; natürlich sei diese Gruppe differenziert zu sehen. In ihren ritualisierten, wiederkehrenden Bekenntnissen zur nötigen Differenzierung waren sich die beiden Seiten einig: Rita Knobel-Ulrich, die TV-Journalistin, und Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und damit, so die "Bauchbinde", Nachfolger von Margot Käßmann.

Anne Will im Studio ihrer neuen Sendung

Anne Wills Gäste diskutierten darüber, wie viel vom Aufschwung wo ankommt - und warum so viele nicht davon profitieren.

(Foto: dpa)

Die Kluft zwischen der Journalistin und dem Pastor tat sich an der Frage auf, wer nun die Mehrheit in dieser so differenzierten Gruppe der Hartz-IV-Empfänger stelle: Diejenigen, die in der sozialen Hängematte baumeln, deren Kinder hungrig zur Schule kämen und in deren Heim "Fernsehapparate wie Altäre" verehrt würden (Knobel-Ulrich)? Oder diejenigen, die um jeden Preis arbeiten wollen, nicht nur für das Geld, auch um der Arbeit selbst willen, weil sie eben "gern arbeiten" (Schneider)?

Beide argumentierten in der Talkshow Anne Will am Sonntag in der ARD aus persönlichen Erfahrungen. Die gesellschaftskritische Fernsehfrau mit dem frisch frisierten Haar im dezenten Orange und dem fliederfarbenen Blazer ebenso wie der Kirchenmann, die Brille fast unsichtbar, die Kleidung gedeckt, im Ton ruhig und bedacht. Beide wirkten glaubwürdig und empathisch.

Fast vergessene Polit-Prominenz

Weder das eine noch das andere schaffte dagegen die versammelte Polit-Prominenz. Wobei ein Blick auf Anne Wills Gästeliste deutlich macht, wie überstrapaziert und dehnbar der Begriff der Prominenz geworden ist.

Neben Miriam Gruß, der familienpolitischen Sprecherin der FDP, qua Amt in der Runde durchaus befugt, waren Andrea Ypsilanti (SPD) und Oswald Metzger (CDU) zu Gast. Die eine Landtagsabgeordnete in Wiesbaden und fast schon vergessene Fast-Ministerpräsidentin, der andere fast schon vergessener Fast-Bundestagskandidat der CDU. Metzger machte einst durch sein Engagement bei den Grünen von sich reden; heute ist er stellvertretender Landesvorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung Baden-Württemberg.

Die besagte Fast-Polit-Prominenz entwand sich wechselweise der konkreten Diskussion darüber, ob die Hartz-IV-Regelsätze erhöht werden sollten - sei es durch Ausflüchte (Ypsilanti: "Wir können diese Debatte nicht führen, ohne über Mindestlohn zu sprechen"), Relativierungen (Gruß: "Der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, um über Zahlen zu reden") oder durch Ausflüge in die lokalpolitische Provinz, wie sie Metzger vornahm.