TV-Kritik: Anne Will Der seltsame Fall des Doktor G.

Wozu braucht man einen Doktor, wenn man schon einen Adelstitel hat? Monika Hohlmeier, Karl Lauterbach und Alice Schwarzer streiten über die Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg - und fragen sich, was Thomas Gottschalk mit der Sache zu tun hat.

Eine Nachtkritik von Inga Rahmsdorf

Dr. Dieter Wedel wäre das ganze Schlamassel also nicht passiert: Dass Karl-Theodor zu Guttenberg überhaupt eine Promotion gemacht hat, obwohl er schon ein Freiherr ist, das kann Wedel nun wirklich nicht verstehen. "Wenn ich 'von Wedel' geheißen hätte, hätte ich niemals einen Doktor gemacht", sagt der Regisseur (Der große Bellheim) in der ARD-Talkrunde von Anne Will. Dann erklärt Wedel noch, wie er sich selbst bei seiner Promotion aus der Klemme geholfen habe: Wenn es keine Belege für seine Vermutung gab, habe er geschrieben, sie seien im Zweiten Weltkrieg verbrannt.

"Doktor Guttenberg - alles nur geklaut?" - zu diesem Thema diskutierte Anne Will mit ihren Gästen, unter anderm Dr. Dieter Wedel und Alice Schwarzer.

(Foto: dpa)

So leicht wird es für Karl-Theodor zu Guttenberg wohl nicht. In der vergangenen Woche sind täglich neue Plagiatsvorwürfe zu seiner Dissertation bekanntgeworden. Während die Situation für den Verteidigungsminister immer ernster wird, diskutiert die Runde bei Anne Will das Thema bisweilen so unbekümmert, dass sogar der ernste SPD-Politiker Karl Lauterbach am Ende schmunzeln muss.

Hat Guttenberg nur ein paar Gänsefüßchen vergessen oder hat er bewusst getäuscht und damit seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt? Mit dieser Frage begrüßt Anne Will ihre Gäste. Doch dann geht es in den folgenden 60 Minuten um noch viel mehr: von der Doktortitelsucht der Deutschen über die Hetzjagd der Medien bis hin zu Thomas Gottschalk.

Dabei sind die Rollen in der Runde der fünf Gäste klar verteilt: Prof. Dr. med. Dr. sc. (Harvard) - wie er sich auf seiner Homepage nennt - Karl Lauterbach tritt naturgemäß als Verteidiger der Wissenschaft auf. Trocken, aber mit klar formulierten Argumenten kritisiert der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dass es keine Entschuldigung gebe für das Kopieren in wissenschaftlichen Arbeiten. Guttenbergs Dissertation stecke voller Plagiate. Der gesamte wissenschaftliche Betrieb könne eingestellt werden, wenn Guttenberg damit durchkomme und in Zukunft jeder einfach abschreiben dürfe - es wäre ein fatales Signal.

Seine wohl schärfste Kontrahentin in der Runde ist die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier. Die Strauß-Tochter und ehemalige bayerische Kultusministerin ist als Verteidigerin eines guten, aufrichtigen und ehrbaren Guttenberg angetreten. Gänsefüßchen würden nichts über den großartigen Politiker aussagen, so ihre tapfere These. Zudem habe Guttenberg ja nie mit dem Doktorgrad geprahlt. Hohlmeier setzt sich uneingeschränkt für ihren CSU-Kollegen ein. Die Medien würden gegen Guttenberg hetzen, kritisiert sie. Während sie redet, gibt es fast verzweifelte Widerrede aus der Runde. Doch Hohlmeier lässt sich nicht unterbrechen. Guttenberg sei ein guter Politiker, der 100 Stunden in der Woche arbeiteten würde, sagt sie. Das tun wir doch alle, murrt Lauterbach.

Ein neuer Kanzler für die Bild-Zeitung

Schon springt die Vermittlerin ein. Mittendrin, als ein Fels in der Brandung, sitzt Alice Schwarzer. Ungewöhnlich friedliebend, versucht die Frauenrechtlerin sich in der Rolle der Vermittlerin. "Ich bin übrigens der Meinung, dass sowohl Frau Hohlmeier als auch Herr Lauterbach recht haben", sagt sie versöhnend. "Ich glaub, das kriege ich hin. Irgendwann müssen mich alle lieben, das möchte ich jetzt." Kurzzeitig gelingt es ihr, verschiedene Blickwinkel aufzuzeigen, bevor sie jedoch zu weit ausholt und sich in Fußnoten verliert.

Zwei Drittel der Menschen würden auf Guttenbergs Seite stehen, erklärt hingegen der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges: "Die wollen sich diesen Hoffnungsträger nicht wegnehmen lassen." Bei Guttenberg gehe es nicht um einen kleinen Skandal, sagt er, sondern um Ehre und um Werte, für die Guttenberg stand und die nun in Frage gestellt werden. Hohlmeier unterbricht ihn und beginnt erneut Guttenberg zu verteidigen. "Nun lassen sie mich mal", entgegnet Jörges, "wir sind nicht im Bayerischen Landtag, wir sind hier in einer Sendung in Berlin." Auch den Vorwurf der Medienhetze lässt Jörges der CSU-Politikerin nicht durchgehen: Schließlich habe Guttenberg die Bild-Zeitung an seiner Seite, die mit ihm den nächsten Kanzler aufbauen wolle.

Bald sind die Redebeiträge von Dieter Wedel die einzigen, die nicht völlig vorhersehbar sind. Der Regisseur tritt anfangs als Kritiker der Medien auf, doch wirklich festgelegt ist er dann doch nicht. So genau kenne er sich mit Guttenbergs Arbeit auch nicht aus, bekennt er nonchalant und ist sichtlich überrascht, dass Guttenberg mehr als nur den ersten Satz seiner Einleitung abgeschrieben haben soll.

Abwechslung bietet dann ein Gast, den Anne Will am Stehtisch begrüßt, Eckhard Freise. Der Geschichtsprofessor - und erster TV-Millionär aus Günther Jauchs Sendung - ist der Meinung, dass Guttenberg seinen akademischen Grad "Dr. jur." nicht einfach so ruhen lassen könne und erklärt so ausführlich die Promotionsordnung, dass Will eilig wieder zu ihrer Sitzrunde zurückkehrt. Als dann ein kurzer Beitrag für einen Vergleich zwischen Gottschalk und Guttenberg eingespielt wird, in dem es um Thomas Gottschalk als Opfer der Medien geht, wird deutlich, dass nun wohl alles über den Fall des Doktor Guttenberg gesagt ist.

Seins oder nicht seins?

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