Süddeutsche Zeitung

TV-Krimi:Sonntag ohne Sahne

Emanzipation im Polizeirevier: Ein Retro-Krimi aus den Siebzigern mit junger Heldin.

Von Claudia Tieschky

Sonntag um viertel nach acht ist und bleibt Tatort-Zeit in Deutschland, sogar wenn der Tatort Polizeiruf heißt. Das wird so bleiben, solange es die ARD gibt und Menschen, die sich zum Ausklang des gemütlichen Wochenendes gern einen Schuss böse, böse Welt gönnen. Zuschauer, die keine Tatorte mögen, finden zur selben Zeit zuverlässig beim ZDF unter dem Label "Herzkino" das Gegenprogramm, also das jeweils neueste Melodram auf Sahnebasis von Inga Lindström oder Rosamunde Pilcher. Insofern ist der Film, der an diesem Wochenende im "Herzkino" kommt, eine höchst überraschende Störung der öffentlich-rechtlichen Sonntagsordnung.

Eine wie diese ist ein ziemlich sahnefreier Film über eine junge Frau, die sich Mitte der Siebzigerjahre aufmacht in ein Berufsleben, das mehr bietet als ihr gegenwärtiger Broterwerb, mehr als Tippen und Matrizenabziehen und die Aussicht auf baldige Heirat. Diese Siggi Thieme muss der Teufel geritten haben, so sehen es viele in ihrer Umgebung, denn sie will nicht das Inga-Lindström-Glück, von dem daheim im Beamtenhaushalt Mutter und Schwester träumen. Nein, das blonde Lockenköpfchen aus Bremen will nicht im Sahnetortenkleid heiraten, sondern sich emanzipieren und so werden wie der Papa, und der Papa ist ausgerechnet bei der Kripo. In der TV-Sonntagsordnung gesprochen desertiert die Heldin sozusagen in die Tatort-Welt der ARD, statt beim Herzkino zu bleiben. Man überlegt kurz ob diese Film-Platzierung ein strategisches Experiment des ZDF sein könnte. Doch da bemerkt man, dass just an diesem Sonntag die Bürgerschaftswahl in Bremen stattfindet, wozu am frühen und späten Abend Sondersendungen im ZDF laufen. Bremen-Emanzipation vor Bremen-Wahl. Womöglich hat das eine versteckte innere Genialität.

In Wirklichkeit ist Cornelia Gröschel als Siggi Thieme eine sehr ausgefallene Frauenfigur im deutschen Fernsehen. Man gönnte ihr eine angenehm unperfekte modische Retro-Erscheinung, der gleichermaßen das Kleinbürgertum wie der inzwischen längst vergessene Optimismus der Siebzigerjahre anhaftet. Dieser Optimismus ist größer als die Rückschläge - Siggis heimliche Bewerbung zur Ausbildung bei der Kripo bringt ein Zerwürfnis mit dem Vater, ihr Verlobter ist Werftarbeiter und kommt mit dem Aufstiegswillen seiner Freundin nicht klar. Trotzdem sind die Männer keine Bösewichte, sondern ganz einfach Leute, die unfreiwillig in Bewegung geraten, weil sich die Lebensentwürfe von Frauen ändern. Siggi Thieme kämpft für ihre Rechte, aber vor allem um das Recht, sich im Leben nicht zu Tode langweilen zu müssen. Hier wird kein Grundsatzprogramm verhandelt, sondern gleichberechtigter Alltag - etwas, für das sich das Fernsehen zum Beispiel auch schon mal interessierte, als in den 80er Jahren die US-Serie Cagney & Lacey zwei Ermittlerinnen in die Männerwelt Polizeirevier schickte.

Retro ist wieder sehr gefragt, bei Serienproduktionen genauso wie in der Fanta-Werbung. Insofern passt Eine wie diese in die Zeit. Siggi zieht in eine WG, stümpert bei ihren ersten Fällen, hält Sex mit dem Vorgesetzten für den Anfang einer Beziehung und lernt auch sonst aus Fehlern. Am Ende hat sie ihre Wildes-Schaf-Frisur geglättet und wirkt bereit für den Beruf, aber da ist der Film schon aus, der gut als Pilotfolge zu einer Serie durchgehen könnte. Die würde man dann eigentlich gerne sehen.

Eine wie diese, ZDF, Sonntag, 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 08.05.2015
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