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TV-Krimi:Freundliche Übernahme

Ermittlungen in der Bretagne: "Kommissar Dupin" ist auch in Frankreich ein Fernsehstar - obwohl er ganz schön deutsch ist. Eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte.

Von David Denk

Mathias Lösel kennt alle bisher sieben Kommissar-Dupin-Verfilmungen in- und auswendig. Er hat die Romanvorlagen und die Drehbücher gelesen und hat dann natürlich auch die Filme gesehen, mehrfach, in verschiedenen Stadien, bis zur Ausstrahlung. Er ist der Produzent, er muss wissen, was er da zur besten Sendezeit ins deutsche Fernsehen bringt. Lösel ist ein eher nüchterner Mann aus Wuppertal, aber doch, man kann das schon so sagen: Auch wenn er die Filme bereits oft gesehen hatte - dieses eine Mal war er wieder begeistert wie beim ersten Mal. Und auch ein bisschen gerührt. In gewisser Weise war es ja auch ein erstes Mal. Plötzlich waren nicht mehr nur die Landschaft französisch und die Namen der Figuren, nein, sie unterhielten sich auch in der Landessprache und nicht mehr auf Deutsch. Bretonische Verhältnisse - oder besser: L'école de Pont-Aven - in der französischen Synchronfassung zu sehen, beschreibt Lösel als "die Erfüllung eines Wunsches, von dem man gar nicht wusste, dass man ihn hatte". Die Synchronisation sei so hochwertig, "dass es sich fast anfühlte wie ein französischer Film".

Viele Auslandskrimis könnten im Grunde auch in Bottrop, Borna oder Bietigheim-Bissingen spielen

Diesen Donnerstag läuft im Ersten der siebte Fall des von Paris in die entlegene Provinz strafversetzten Ermittlers (Pasquale Aleardi), Bretonische Geheimnisse; beim öffentlich-rechtlichen Sender France 3 wurden im Sommer 2018 die ersten sechs Filme ausgestrahlt, parallel zur Fußball-WM und dennoch mit großem Erfolg: Zwischen 3 und 3,5 Millionen Zuschauer schalteten ein, was Marktanteilen von bis zu 15,8 Prozent entsprach. Der bisherige deutsche Bestwert liegt bei 15,1 Prozent. Vom "Phänomen Dupin" (Le Figaro) war daraufhin die Rede und von der "Serie, die die Bretagne veredelt" (Le Télégramme). Für Jérôme Vincendon, Vice President Sales & Acquisition beim Weltvertrieb Beta Film, der die Dupin-Reihe nach Frankreich und etwa auch nach Italien, Indien, China, Iran und in die USA verkauft hat, sind zunächst mal "die Landschaft und der Schauwert" für den Erfolg im Ausland verantwortlich.

Beta Film verweist auf SZ-Anfrage darauf, generell viele deutsche Programme ins Ausland zu verkaufen. So laufe etwa bei France 3 seit Jahren auch Kommissar Rex , und Beta Film bekomme immer noch Fanpost an Hund und Herrchen. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden Produktionen: In Kommissar Rex spielen Österreicher, Deutsche und Italiener Österreicher, Deutsche und Italiener, bei Kommissar Dupin schlüpft ein deutschsprachiges Ensemble in die Rollen von Franzosen. Für Christine Strobl, Chefin des Auftraggebers ARD Degeto, ist die Akzeptanz in Frankreich "ein besonderer Qualitätsbeleg". Selbstverständlich ist das jedenfalls nicht. "Italienische Sender würden nie einen Film zeigen, in dem Deutsche italienische Kommissare spielen", sagte Beta-Geschäftsführer Jan Mojto 2017 anlässlich des Rechteverkaufs an den französischen Medienkonzern Groupe AB. Das deutsche Fernsehen ist voll von Krimis, in denen deutsche Schauspieler ausländische Namen tragen und in den verschiedensten Winkeln Europas ermitteln, Donna Leon, Mordkommission Istanbul, um nur die bekanntesten zu nennen, doch könnten viele dieser Geschichten im Grunde auch in Bottrop, Borna oder Bietigheim-Bissingen spielen. Dann wäre die Kulisse nur nicht ganz so malerisch. Für Dupin-Produzent Lösel hingegen ist die Bretagne "nicht irgendein austauschbares Tableau, vor dem wir Geschichten erzählen, sondern die Geschichten selbst haben immer etwas mit der Region zu tun". Lösel stellt den "liebevoll-kritischen Blick" des Romanautors Jean-Luc Bannalec auf die Eigenheiten der Bretonen heraus, woran sich die Filme eng orientierten. Diese Qualität bestätigt indirekt auch Beta-Manager Jérôme Vincendon, indem er sagt, die Dupin-Reihe sei nicht als deutsch zu erkennen, "sondern steht in der Tradition gut gemachter Krimis" wie Donna Leons Commissario Brunetti oder Inspector Barnaby und sei "bei Sendern weltweit einsetzbar".

Kommissar Dupin - Bretonische Brandung

Krimi mit Meerblick: Der Schweizer Pasquale Aleardi ermittelt seit 2014 als Kommissar Dupin in der Bretagne.

(Foto: ARD)

Die Popularität von Kommissar Dupin in Frankreich wird noch ein bisschen unwahrscheinlicher, wenn man weiß, dass nicht nur die Filme aus Deutschland stammen, sondern auch der Autor der Romanvorlagen. Hinter dem Pseudonym "Jean-Luc Bannalec" verbirgt sich Jörg Bong, im Hauptberuf noch bis Ende Mai Verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage. Fragt man seinen Agenten, Matthias Landwehr, nach den Gründen für den Erfolg der Verfilmungen, den Bong und er "geradezu phänomenal" finden, lobt Landwehr Lösel als "ausgewiesenen Bretagne-Kenner und -Liebhaber", was wohl auch der Grund ist, weshalb sich die Produktionsfirma Filmpool Fiction 2012 die Rechte überhaupt sichern konnte. Lösel hatte den ersten Band Bretonische Verhältnisse kurz nach Veröffentlichung in der Buchhandlung entdeckt und konnte Bong in einem Telefonat doch noch davon überzeugen, der Richtige für den Stoff zu sein. "Dabei sind die Rechte, wenn ein Roman im Laden steht, meistens längst weg", sagt Lösel.

Als Mathias Lösel Bretonische Verhältnisse las, ging es ihm wie Georges Dupin, der mit der eigenen Vergangenheit schwer zu kämpfen hat: Lösel hatte Flashbacks, fühlte sich allerdings an die schönen Zeiten erinnert, als er Austauschschüler in Ploërmel war: "Gerüche, Geschmäcker, Landschaften." Seit fast 30 Jahren ist der 44-Jährige der Bretagne nun verbunden, in die er seit 2013 beruflich regelmäßig zurückkehrt. Weil er selbst noch Leuten begegnet ist, die unter den deutschen Besatzern gelitten haben, ist Lösel froh, dass sein Team mittlerweile mit offenen Armen empfangen wird: Die Einheimischen hätten gemerkt, dass die Filme "keine Quatschveranstaltung" seien. Lösel ist sogar ein bisschen stolz, "zu einem gewissen touristischen Boom beigetragen", ja "ohne dass das zu theatralisch klingt: eine deutsch-französische Brücke gebaut" zu haben. Die Zahl deutscher Bretagne-Besucher ist durch Bücher und Filme sprunghaft angestiegen. Degeto-Chefin Strobl sieht darin "eine Auszeichnung für den authentischen Charakter" der Reihe.

Romanautor Bong hat angekündigt, sich künftig ganz aufs Schreiben konzentrieren zu wollen; TV-Produzent Lösel kann das nur recht sein, gibt es ihm doch vielleicht die Möglichkeit, bald mehr als das eine bislang pro Jahr erscheinende Buch zu verfilmen. Dupin-Fans würden es den beiden danken - in Deutschland, in Frankreich und anderswo.

Kommissar Dupin: Bretonische Geheimnisse, Das Erste, 20.15 Uhr.

© SZ vom 11.04.2019
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