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TV-Experte Broich:Warm, empathisch, scharfsinnig

Thomas Broich beim DFB-Pokal Spiel Eintracht Frankfurt gegen SV Werder Bremen am 04.03.2020 in Frankfurt. DFL regulation

Thomas Broich beim DFB-Pokal Spiel Eintracht Frankfurt gegen SV Werder Bremen.

(Foto: imago images/HJS)

Warum Thomas Broich als TV-Experte besser ist, als er als Fußballer je war.

Von Felix Haselsteiner

Im Laufe der Karriere eines Fußballprofis wandeln sich viele Dinge, große wie kleine: Die Frisur zum Beispiel, die Fußballschuhe, die Wohnorte sehr häufig, was bei manch einem auch auf die Ehepartnerin zutrifft. Selten jedoch wandeln sich die Vorbilder: Wer sich einmal als Kind dafür entschieden hat, den beinharten Innenverteidiger besser zu finden als den eleganten Zehner oder den torgefährlichen Stürmer, der: Bleibt in der Regel dabei.

Thomas Broichs Frisur hat sich über die Zeit dezent verändert, seine Vorbilder hingegen recht spektakulär: "Im Moment ist es ohne Frage Zinédine Zidane. Was der spielt, das ist so ästhetisch und elegant, da gibt es keinen schöneren Fußballer", sagte Broich 2003 über den französischen Spielmacher. Gefilmt wurde er damals für die großartige und mehrfach ausgezeichnete Fußballdokumentation Tom meets Zizou. Kein Sommermärchen von Filmemacher Aljoscha Pause, in der Broichs Karriere vom bayerischen Burghausen bis in den australischen Urwald nacherzählt wird.

Und heute? Da findet Broich eher den ehemaligen Defensivstrategen Matthias Sammer "inspirierend", oder Jamie Carragher und Gary Neville, ehemals englische Raubeine, von denen Broich sagt, sie würden "für den Fußball brennen".

Der Wandel in den Vorbildern erklärt sich damit, dass Broich nicht mehr - wie bis 2017 in der Bundesliga und in Australien - als offensiver Mittelfeld auf dem Feld steht. Heute analysiert der gebürtige Münchner Fußballspiele für den Streamingdienst Dazn und die ARD. Und orientiert sich dabei nicht mehr an dem fußballerischen Genie Zidane, sondern an den Experten Sammer, Carragher und Neville, die alle drei als Meister ihres Fernsehexperten-Fachs galten (Sammer bei Eurosport) beziehungsweise gelten (Carragher und Neville bei der BBC). Das gilt mittlerweile auch für Broich, der als größte sportliche Erfolge den Gewinn dreier australischer Meisterschaften und einen Aufstieg in die Bundesliga verbuchen kann. Als Experte aber ist er besser, als er als Fußballer je war.

Im deutschen Fernsehen findet sich derzeit kaum jemand, der den Fußball so warm und empathisch beschreiben und gleichzeitig so scharfsinnig analysieren kann wie Broich. In den Bundesliga-Sendungen bei Sky oder Sport1 pflegen Experten wie Stefan Effenberg, Lothar Matthäus oder Reiner Calmund einen dominanten, boulevardesken Stil, allein Matthäus äußert sich jede Woche zu mehreren Themen - immer mit einer klaren, aber häufig eben unzureichend begründeten These: Die Mannschaft des Hamburger SV etwa nennt er "Schulbuben", Dortmunds Trainer Lucien Favre habe die Mannschaft nicht im Griff und Schalke-Boss Clemens Tönnies hätte längst zurücktreten sollen. Das alles sagte Matthäus in seiner Rolle - innerhalb einer Woche. Matthäus, der letzte Deutsche, der die Wahl zum Weltfußballer gewinnen konnte, mag ohne Zweifel die sportliche Kompetenz haben, sich zu vielen Themen zu äußern, und wird dementsprechend von den Medien auch zu allem gefragt - tendiert allerdings zu einer Kritik von oben herab.

Broich nennt in Tom meets Zizou auch Matthäus als einen der Spieler, die ihn als Kind zum Fußballspielen gebracht haben. Heute hält er sich, anders als der Sky-Experte, jedoch lieber zurück, wägt ab, diskutiert. Als er Anfang Juni in der ARD ein Pokalspiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt analysierte, lobte er in einem Satz die Einstellung der Münchner, kritisierte aber nur einen Aspekt, die Chancenverwertung. Der besserwisserische Ton anderer Experten, die früher zu den Stars des Metiers gehörten, ist bei Broich nicht zu hören, er fordert mehr Achtung für die Mannschaften ein. "Man darf niemals den Respekt für die Leistung der Spieler und Trainer verlieren, auch oder gerade in Schwächephasen", sagt Broich im Gespräch mit der SZ. Und: "Ich plädiere dafür, Spielern und Trainern gegenüber viel nachsichtiger zu sein, als das heute in der medialen Berichterstattung häufig der Fall ist."

Das alles sind ungewohnt zurückhaltende Worte von einem Fernsehexperten - einer Zunft, die sich häufig mit dem Vorwurf befassen muss, an einem gewissen Selbstdarstellungswahn zu leiden, obwohl der Experte per Definition eigentlich nur ein Beiprodukt zu einem Fußballspiel ist. Bei vielen geht es daher vor allem darum, einfache Erklärungen zu finden, anstatt abwägend zu analysieren, was auch Broich stört: "Das monokausale Denken ist ein großes Problem", sagt der 39-Jährige. "Nehmen wir mal die rudimentären Bestandteile des Fußballs: Physis, Taktik, individuelle Qualität und Mentalität. Am Ende kommt es auf das Zusammenspiel dieser vier Faktoren an."

Gerade die Mentalität wird häufig als Erklärung hergenommen, warum eine Mannschaft gewonnen oder verloren hat, Broich versucht sich daran mit seiner eigenen Erfahrung als Profi anzunähern: "Ich war selbst ein sehr sensibler Fußballspieler und glaube daher, dass man im Fußball weitaus mehr über die wirklich tiefe Psychologie des Spiels und der Spieler sprechen sollte als über rein physische und taktische Themen", sagt er.

Was nicht heißt, dass Taktik keine Rolle spielt. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Spielerkollegen Jerome Polenz macht Broich für Dazn und die ARD auch Taktikanalysen, in denen er zum Beispiel den Spielstil von Borussia Dortmund versucht aufzuschlüsseln: "Bei Taktikvideos, wie wir sie für die Sportschau machen, muss man erst mal den Zuschauern klarmachen, dass Taktik nichts hochgradig Kompliziertes ist, was keiner nachvollziehen kann", sagt Broich.

Ein sehr zuschauerfreundlicher Ansatz, der sich durch die gesamte Arbeit des Experten zieht. Dass Broich sich in seiner Rolle, in der er am Samstag am Rande des Pokalfinals zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen im Sportschau Club wieder zu sehen sein wird, stark an Matthias Sammers hervorragender Arbeit für Eurosport orientiert, merkt man: "Sammer war konstruktiv und lehrreich in seinen Analysen und hat mit seiner Leidenschaft das Schöne am Fußball herausgearbeitet", sagt er über sein Vorbild. Man könnte auch Broichs Stil kaum besser beschreiben.

© Sz/hy
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