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TV-Experiment:Der Film vermittelt keine Haltung, kein Innehalten

Einen Dokumentarfilm drehen heißt ja eigentlich: Thema setzen, Protagonisten auswählen, kluge Fragen stellen, die Protagonisten zum Reden bringen. Der preisgekrönte israelische Regisseur Yoav Shamir zeigt, wie das geht. In seinem Defamation-Film, in dem er sich in Michael-Moore-Manier mit Antisemitismus beschäftigt, hat auch er israelische Schüler auf Klassenfahrt nach Polen begleitet. Allerdings stellt er ihnen Fragen, bohrt nach bei Schülern und Lehrern. In #Uploading Holocaust werden aber keine Fragen gestellt.

Der Film besteht nur aus Rohmaterial. Als Zuschauer ertrinkt man darin. Zu gern hätte man gewusst, wer dieses Mädchen ist, das auf einem Friedhof in Polen das Grab ihres Ururgroßvaters findet und dann eine Kerze für ihn anzündet. Wer diese seltsame Reiseführerin ist, die das Grauen in einer Gaskammer mit einer bedrohlichen Intensität schildert, als hätte sie die Szene mit eigenen Augen gesehen. Und wer ist der alte Mann, der auf einem Friedhof steht und einer Schülergruppe erzählt, er habe sich unter den Gräbern als 14-Jähriger vor den SS-Schergen versteckt und so überlebt? Der Film ist eine bloße Bilderflut. Er vermittelt keine Haltung, kein Innehalten. Dabei gäbe es so viel zu erzählen.

Nachhaken ist bei dem Filmexperiment unmöglich

Ende der Achtzigerjahre fuhren erstmals mehrere hundert Schüler nach Polen. Heute sind es mehr als 30 000 Schüler jedes Jahr, aber noch immer sind es nur Reisen in die Vergangenheit, an die Orte der Tötungen, der Vernichtung, der Schikanen. Dass es längst wieder eine lebendige jüdische Szene gibt in Polen und nicht alle Polen Antisemiten sind, all das erfahren die Schüler nicht. Stattdessen lernen sie das Schwarzweiß-Polen kennen und dürfen nachts ihre Hotels nicht verlassen.

Ein paar Mal sprechen israelische Schüler in ihre Handykameras und geben zu, dass sie die Reise unberührt lasse und sie keine Trauer spürten. Was für ein guter Moment, um nachzuhaken! Aber nachhaken geht ja nicht bei dem Filmexperiment. So fehlt etwa ein Hinweis darauf, dass sich die Reisen nur Familien leisten können, die rund 1000 Euro dafür zahlen können, und dass es Preisabsprachen unter den Reiseveranstaltern gegeben hat, weshalb die Medien von einer "Kommerzialisierung des Holocaust" geredet haben.

Fraglich sind auch die Versuche vieler israelischer Reiseführer in Polen, mit aller Kraft Emotionen aus den Schülern zu pressen. In einem Viehtransporter sagt ein Reiseführer: "Wir wollen, dass ihr fühlt, was die Menschen in so einem Zug gespürt haben." Aber kann das gelingen? Die Kinder fliegen in modernen Flugzeugen nach Polen, jeder besitzt ein Smartphone, sie wohnen in Hotels und tragen gute Kleidung - gern hätte man von dem Reiseführer gewusst, was das soll, dieses auf Kommando gewünschte Sicheinfühlen? Es gibt immer mehr Eltern in Israel, die ihre Kinder nicht auf diese Reisen schicken - auch wenn sie es sich leisten könnten.

Eine Schule hat die kritisierten Polen-Reisen gestrichen und spürt dem Holocaust nun in Israel nach

In Israel sind die Reisen zunehmend umstritten. Soziologische Untersuchungen belegen, dass sie weniger dazu dienen, die Jugendlichen zu mehr Toleranz zu erziehen, sondern dass sie Vorurteile gegenüber Polen verfestigten. Ein israelischer Soziologe hat vor wenigen Monaten fünf solcher Studienreisen nach Polen begleitet - und heftige Kritik geübt: "Diese Reisen rufen nur Angst hervor unter den Teilnehmern. Sie widmen sich nur den Toten und lassen keinen Raum für Empathie für die Lebenden."

Inzwischen gibt es auch Schulen in Israel, die ihre Polenreisen komplett aus dem Programm gestrichen haben. Der Direktor des Herzliya-Hebrew-Gymnasiums nahe Tel Aviv etwa begründete in diesem Frühjahr das Aus damit, dass die Reisen "Chauvinismus" und "Delegitimierung des Anderen" verursachten. Seine Schüler reisen jetzt zum Thema Holocaust durch Israel. "Bei uns", sagte der Direktor kürzlich, "leben ja noch genug Überlebende, die uns aus erster Hand erzählen können, was sie durchgemacht haben."

#Uploading Holocaust, BR, 22.30 Uhr.

© SZ vom 08.11.2016/efri
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