TV-Experiment "Newtopia" Bisschen Revolution, bisschen Busen

Schön einsam: So sieht es auf dem Acker in Königs Wusterhausen inzwischen aus.

(Foto: Sat.1)

Was wäre, wenn wir alle noch mal von vorne beginnen könnten? Darum geht es im neuen Realityformat "Newtopia" auf Sat 1. Mit ganz großen Fragen - und bekannten Quotenbringern.

Von Angelika Slavik

Privatfernsehen mag simple Botschaften, das ist oft das Erfolgsrezept für taugliche Quoten. Am Dienstagabend aber ist die Botschaft erstaunlich komplex, die Sat 1 zu verbreiten hat. Der Sender stellt in Hamburg sein neues Reality-Format Newtopia vor und der Anspruch, der dabei formuliert wird, lässt sich so zusammenfassen: ein bisschen Weltrevolution und ein bisschen Busen. Vielleicht auch viel Busen, wenn es sich gerade so ergibt.

Newtopia soll ein soziales Experiment sein, so stellt es der Sender vor. Getragen von der Frage: Was wäre, wenn wir alle nochmals ganz von vorne beginnen könnten? Von vorne bedeutet im konkreten Fall: Für die Sendung werden 15 Kandidaten ausgewählt, die zusammen auf einen Acker in Brandenburg ziehen. Auf eben diesem Acker gibt es eine Scheune, einen Stall, zwei Kühe, ein paar Hühner und sonst nichts. Vor allem: keine Regeln. Die Regeln soll sich die Gesellschaft selbst machen, genau wie Duschen, Betten und jede andere Infrastruktur, die das Leben erleichtern könnte. Alles steht auf null. Warum?

Die ganz großen Fragen neu stellen

Sat 1 zeigt bei der Präsentation einen Einspielfilm, der verdeutlichen soll, weshalb es an der Zeit sei, die ganz großen Fragen neu zu stellen. Man sieht: Terror, Krieg und Angst, komprimiert auf zehn Sekunden. Simple Botschaft, die Welt der Gegenwart ist schlecht. Eine neue, unbelastete Gesellschaft könne es besser machen, und deshalb beginnt man damit jetzt, auf dem Acker in Königs Wusterhausen.

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Darüber, was die Welt wirklich braucht, kann man natürlich streiten, und die Ausschnitte aus den Casting-Gesprächen mit den potenziellen Kandidaten legen nahe, dass der Weg zu einer gemeinsamen Vision bei Newtopia diskussionsintensiv wird. "Es ist einfach nicht mehr notwendig, Fleisch zu essen", sagt eine Frau. "Schlachten ist für mich kein Problem", sagt ein anderer Kandidat. "Wir entscheiden dann alles gemeinsam", glaubt jemand. "Es ist klar, dass es Anführer geben muss", findet ein anderer. Einer ist "für freie Liebe". Andere nennen "wild herumvögeln" einfach "nicht zielführend".

"Wir glauben, dass Newtopia relevante Unterhaltung sein kann", sagt Nicolas Paalzow, der Geschäftsführer von Sat 1. Aber natürlich sei es immer noch eine Unterhaltungssendung. "Wir stehen jetzt nicht unter Intellektuellenverdacht bei Sat 1." Das heißt, zum einen, dass die Teilnehmer so ausgesucht werden, dass ihre Visionen von einer neuen Welt möglichst unterschiedlich sind - der Weg zur perfekten neuen Welt soll nicht in öder Harmonie gegangen werden.

Kein "Intellektuellenverdacht"

Dazu passt, dass das Startkapital für Anschaffungen aus der Außenwelt mit 5000 Euro nur halb so groß ist wie beim Urformat John de Mols in den Niederlanden: Einschränkung macht schlechte Laune. Zwischendurch können sich die Kandidaten gegenseitig für den Auszug nominieren, das ist Krach mit Ansage.

Kein "Intellektuellenverdacht" heißt aber auch, dass "die Kandidaten sich natürlich darüber im Klaren sind, dass sie 24 Stunden am Tag gefilmt werden", sagt Paalzow. Jeder nackte Busen geht auf Sendung. Im niederländischen Original erfuhr eine Kandidatin vom Tod einer Angehörigen. Tränen in Großaufnahme, natürlich.

Newtopia startet am 23. Februar und soll montags bis freitags um 19 Uhr eine knappe Stunde lang laufen, mindestens ein Jahr lang. 105 Kameras und 57 Mikrofone werden zudem 24 Stunden live ins Internet übertragen.