TV-Dreh mit Furtwängler "Das letzte Refugium, so etwas zu wagen"

Kann man als TV-Sender so eine Position einnehmen? Einerseits ist Film immer auch Kunst, und Kunst muss viel dürfen, vor allem gesellschaftliche Tendenzen, Kontroversen, Lügen, Entwicklungen aufdecken oder darstellen, und viel zu oft leisten die Fernsehkrimis, -dramen, -komödien genau das nicht. Der Tatort, sagt die Produzentin Dagmar Rosenbauer, 54, von Cinecentrum, sei "das letzte Refugium, so etwas zu wagen" wie die Annäherung an ein relevantes Thema. Der Verein Hannover 96 beziehungsweise sein Präsident Martin Kind seien "sehr aufgeschlossen" - ganz anders als der VfL Wolfsburg. Dort hätte der NDR Frau Lindholm gerne auf Mörderjagd geschickt. Doch der VfL wollte nicht in einer Verbindung stehen mit dem von Grimmepreis-Träger Harald Göckeritz gefertigten Drehbuch über eine möglichen homosexuellen Fußballprofi.

Das relevante Thema hätte andererseits in viele Standorte des gebührenfinanzierten Refugiums Tatort gepasst, nach Köln, München oder Stuttgart, wo es ebenfalls Klubs aus der Fußballbundesliga gibt. Doch Lindholm sei in Hannover ansässig, insistiert NDR-Manager Granderath. Außerdem ist Cinecentrum für den Furtwängler-Tatort zuständig.

Mit den auf den Fußball-Tatort zutreffenden Stichwörtern "Hannover, Fußballbundesliga, toter Profi, Mord" trifft man bei Google sofort und an oberer Stelle auf Robert Enke. Die Entscheidung des NDR, dieses Thema und diese Stadt zusammenzubringen, wirkt seltsam trotzig. Sie reicht über eine inhaltliche, senderpolitische Argumentation kaum hinaus. Emotionale Faktoren bleiben unberücksichtigt.

Maria Furtwängler, so berichtet Produzentin Rosenbauer, habe das Thema nach einem Gespräch mit DFB-Chef Zwanziger an den NDR herangetragen. Tatsächlich trafen Furtwängler, 44, die sich für Fußball interessiert, und Zwanziger, 65, der sich für den Tatort interessiert, anlässlich einer Preisverleihung im November 2009 in Berlin aufeinander - sechs Tage nach Enkes Tod. Zwanziger hatte bei der vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) ausgerichteten Goldenen Victoria eine Laudatio auf den Unternehmer Dietmar Hopp gehalten. Furtwängler begleitete ihren Mann Hubert Burda, der VDZ-Präsident ist und damals Michail Gorbatschow ehrte.

Zwanziger habe, so sein DFB-Büro an diesem Donnerstag, Furtwängler einen Tatort mit Fußballhintergrund für die 2011 in Deutschland stattfindende Frauen-WM vorgeschlagen. Über Homosexualität in der Bundesliga sei nicht gesprochen worden - obwohl sich Zwanziger in Kampagnen sehr für die Akzeptanz schwuler Fußballer einsetzt.

Die Produzentin Dagmar Rosenbauer sagt, sie hätte den Film lieber still und leise gedreht. Die Pressekonferenz an diesem Donnerstag sei von Hannover 96 gewünscht worden. Klub-Präsident Martin Kind sagt, vom NDR sei ihm erklärt worden, dass der Stoff im Niedersachsen-Tatort verarbeitet werde. "Und wenn das Ganze in Niedersachsen gemacht werden muss", sagt Kind weiter, "dann gehört das nach Hannover." Das ist Standortpolitik, und Hannover, so viel ist sicher, bleibt damit im Gespräch. Ungewiss ist allerdings, wie es endet.