"Unser Kind" im WDR Die Familie, Ideal und Ursprung für das eigene Unglück

Was ist das, eine Mutter? Ellen (Susanne Wolff) sorgt für ein Kind, das ihr die Bürokratie erst noch zugestehen muss.

(Foto: Martin Valentin Menke/WDR)
  • Im WDR-Film Unser Kind kämpft eine Frau nach dem Verlust ihrer Ehefrau um das Sorgerecht des gemeinsamen Babys.
  • Es beginnt ein Ringen mit der Bürokratie, die gesellschaftlichen Wahrheiten hinterherhinkt.
  • Homosexuelle Paare in Deutschland können zwar heiraten, aber nicht gemeinsam ein Kind großziehen, ohne den Adoptionsprozess zu durchlaufen.
Von Laura Hertreiter

Wie sehr Tage verfliegen, wenn man verliebt ist, wie schnell aus der Gegenwart Vergangenheit wird, wenn ein Kind groß wird: erster Tritt, erstes Lachen, erster Schritt. Und wie zäh so ein Tag verrinnt, wenn jemand plötzlich nicht mehr da ist, und mit ihm das gemeinsame Glück, die großen Pläne und kleinen Gewohnheiten.

Der WDR-Film Unser Kind erzählt von Katharina (Britta Hammelstein), die bei einem Autounfall stirbt, und von ihrer Ehefrau Ellen (Susanne Wolff), die mit dem gemeinsamen Baby Franz zurückbleibt. Autorin Kristl Philippi und Regisseurin Nana Neul lassen in schnellen, federleichten Rückblenden glücksgeraffte Tage aufflimmern, und die Liebe, aus der Franz wurde, mit ein bisschen Hilfe durch einem Freund der beiden. Samenspender Wolfgang (Andreas Döhler) hat Frau und Kind - und erfüllt den Frauen dennoch recht pragmatisch den Wunsch nach einer Familie.

Immer mehr Menschen tauchen am Babybettchen auf, die in Franz irgendwie auch ihr Kind sehen

Mit Katharinas Tod ändert sich das Erzähltempo kunstvoll, Ellen trauert, die Tage versickern zäh, Franz brüllt, er hört nicht auf zu brüllen, und immer mehr Menschen tauchen an seinem Bettchen auf, die in ihm irgendwie auch ihr Kind sehen. Die beiden Eltern der Verstorbenen, der biologische Vater Wolfgang, der den Sohn - ist es überhaupt sein Sohn? - irgendwann heimlich besucht, weil seine Frau das nicht will. Und dann ist da Ellen, in deren Trauer eine wilde Entschlossenheit wächst, sich ihr Kind nicht nehmen zu lassen. Das größte Drama im Drama ist, dass in dieser Geschichte alle aus Liebe um das Kind ringen.

Dass Ellen als Mutter infrage steht, liegt an fehlenden Dokumenten. Weil sie nicht die leibliche Mutter ist, weil sie zwar eine Vormundschaft für Franz hat, aber die Adoptionspapiere noch nicht unterschrieben waren. Weil homosexuelle Paare in Deutschland zwar heiraten können, aber nicht gemeinsam ein Kind großziehen können, ohne den Adoptionsprozess zu durchlaufen. Weil die Justiz gesellschaftlichen Wahrheiten hinterherschlurft.

Dieser politischen Ebene zum Trotz ist Unser Kind vielschichtig. Ellen tobt gegen die Bürokratie, sie wütet gegen alle, die helfen wollen, sie wütet gegen sich. Und Familie, das ist nicht nur das Ideal, das Ellen, Katharina und Wolfgang vor Augen haben, als sie jenseits alter Konventionen eine gründen, Familie kann auch der Ursprung für das eigene Unglück sein, das klingt in den Szenen an, in denen Ellens schwierige Beziehung zu ihren Eltern durchschimmert. Und die Liebe, von der die Geschichte erzählt, birgt immer auch den Konflikt. Ellen und Katharina küssen sich in glitzernden Sommernächten, aber manchmal, da können sie sich auch nicht ausstehen. Warum hatte Katharina die Adoptionspapiere vor ihrem Tod nicht unterschrieben? Hat sie gezweifelt? Wollte sie Ellen doch nicht als Mutter? Was ist das überhaupt, eine Mutter? Der Film leistet sich die Freiheit, nicht alle Fragen, die er aufwirft zu beantworten, und ist gerade deshalb so wahrhaftig. Denn ist die Gegenwart nicht immer ein Ringen um Antworten?

Unser Kind, Das Erste, 20.15 Uhr.

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