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TV-Dokumentation:Die dunkle Seite des Ökosiegels MSC

Die Story im Ersten

Die Männer auf diesem Schiff in Mexiko jagen Thunfische - weil die aber oft gemeinsam mit Delfinen schwimmen, sterben bei der Fischerei auch viele Delfine.

(Foto: Wilfried Huismann/WDR)

Welche Meeresfische darf man noch guten Gewissens essen? Verbraucher vertrauen bei dieser Frage auf Ökozertifikate, doch eine WDR-Doku zeigt, dass die selbst längst ein Millionengeschäft sind.

Welche Fische darf man noch essen, wenn man das Leben in den Ozeanen nachhaltig schützen will? Verbraucher vertrauen diversen Siegeln, die ihnen beim Einkauf von Meerestieren ein gutes Gewissen verschaffen. Doch ist das gerechtfertigt? Ein Jahr ist der Filmemacher Wilfried Huismann um den Globus gereist, um zu zeigen, dass sich hinter manchen Zertifizierungen ein Millionengeschäft verbirgt und beim Schutz der Umwelt beide Augen zugedrückt werden.

So werden Thunfische nach wie vor auch mit Ringwadennetzen gejagt, die umstritten sind, weil sich mit ihnen ganze Schwärme auf einmal fangen lassen. Thunfische bilden jedoch mit den über ihnen schwimmenden Delfinen eine Fressgemeinschaft - und so gerate diese ebenfalls in die Netze. Bis zu zehn Millionen Delfine starben so in den vergangenen 30 Jahren, schätzen Biologen, nur um dem Verbrauchern billigen Thunfisch zu liefern.

Eigentlich sind Ringwadennetze seit Jahren geächtet, aber es gibt diese Fangmethode noch immer - dem Film zufolge wurden einige Fischereien, die auf diese Methode setzen, kürzlich sogar mit dem blauen Ökosiegel für nachhaltigen Fischfang der Organisation Marine Stewardship Council (MSC) belohnt. MSC wurde 1997 von Unilever und dem WWF gegründet und verdient mit Lizenzgebühren etwa 17 Millionen Euro im Jahr, das MSC-Siegel ist das weltweit wichtigste Umweltzertifikat für Naturfischerei.

Sieht so nachhaltiger Fischfang aus?

Auch ein spanischer Fischereiverband hat sich für das Siegel beworben. Mit seiner Flotte aus 39 Schiffen fängt er jedes Jahr etwa eine Million Haie, aus denen die Haifischflossensuppe vor allem für reiche Chinesen produziert wird. Im Film ist zu sehen, wie den Haien zum Teil lebendig die Flossen abgeschnitten und die Tiere dann sterbend ins Meer zurückgeschmissen werden. Sieht so nachhaltiger Fischfang aus?

Inzwischen hat das Unternehmen den MSC-Antrag zurückgezogen, aber nur vorübergehend. Schließlich sind "Flossen das Gold des Meeres", wie eine Tierschützerin in dem Film sagt. Was Huismann von Mexiko über Kanada bis zur Nord- und Ostsee dokumentiert, ist haarsträubend, und es geht dabei in aller Regel nur um eines: ums Geld. Nachhaltigkeit? Schutz der Ressourcen? Kampf gegen Überfischung? Fehlanzeige.

2011 erregte der Grimme-Preisträger mit einer Reportage über den WWF Aufmerksamkeit. Der Pakt mit dem Panda dokumentierte, wie der WWF milliarden-schweres Greenwashing betreibt und zur Rodung des Urwalds zugunsten von Palmöl beiträgt. Die Umweltorganisation überzog ihn und den produzierenden Sender WDR jahrelang mit Klagen, von denen jedoch kaum eine verfing. Huismann ist nun einem Nebenaspekt seiner damaligen Recherchen nachgegangen und hat sich an die Spur des Fischsiegels MSC geheftet.

Fragwürdige Vergabe des Siegels

Eigentlich soll das Siegel garantieren, dass der Fisch nicht aus überfischten Beständen kommt und bei seinem Fang das Ökosystem Meer keinen Schaden davon trägt. Zwölf Prozent der Betriebe weltweit tragen das Siegel, in Deutschland ziert es mehr als die Hälfte aller verkauften Fischprodukte. Supermarktketten wie Edeka und Lidl bieten nur noch MSC-zertifizierte Ware an. 41 Prozent der deutschen Verbraucher vertrauen dem Siegel.

Der Chef der Organisation "Marine Stewardship Council" weist alle Vorwürfe zurück

Huismann aber findet viele Beispiele, die zeigen, dass die Vergabe durch den MSC offenbar fragwürdig ist. Er trifft Fischer, die sagen, dass das Siegel vor allem industrielle Fangflotten begünstigt, obwohl deren Methoden bisweilen fragwürdig sind, etwa wenn sie mit Grundschleppnetzen den Meeresboden schädigen. "Wenn das MSC-Siegel drauf ist, gibt es keine Fragen mehr", sagt der Geschäftsführer einer Schollenfischerei, die in der Nordsee fischt. Daniel Pauly, Mitbegründer des MSC und Direktor des Institute for the Oceans and Fisheries, kritisiert, der Verband habe seine "Seele verloren".

Huismann konfrontierte den MSC-Chef Rupert Howes in London mit allen Vorwürfen und zeigte ihm Fotos von den abgeschnittenen Haifischflossen, die er in Montevideo bei der Entladung filmte. Doch trotz aller Indizien für Fehlentscheidungen weist der Verband die Vorwürfe zurück: "Die Balance zwischen Industrie und Naturschutz ist beim MSC gewährleistet", außerdem garantiere der WWF mit seinen Vertretern im Aufsichtsgremium des MSC, dass die Belange des Meeresschutzes ausreichend vertreten seien. Das ehrgeizige Ziel des MSC: Jedes dritte Fischprodukt soll 2030 das Siegel tragen.

Immer wieder trifft Huismann auf seiner Reise auf Mauern des Schweigens. Sein Film zeigt, dass zumindest dieses Siegel zu einem Marketinginstrument der Industrie verkommen ist, das uns, die Verbraucher, dazu verführen soll, mit gutem Gewissen zu kaufen, was anderswo Schaden anrichtet.

Die Story im Ersten: Das Geschäft mit dem Fischsiegel. ARD, 22.45 Uhr.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung dieses Artikel stand, dass der WWF "mit seinem Logo" greenwasching betreibt. Dem ist nicht so. Wohl aber geschieht dies nach wie vor mit der Hilfe von zwei Siegeln, die der WWF mitgegründet hat (RSPO und ISCC für Treibstoff aus Biomasse). Damit "hilft er seinen Partnern aus der Industrie indirekt dabei, neue und viel größere Regenwaldflächen im Namen der Nachhaltigkeit zu zerstören", wie Huismann in seinem Schwarzbuch WWF. Die dunklen Geschäfte des Panda schreibt.

© SZ vom 23.04.2018/lala
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