TV-Doku über Helmut Kohl Wie man als Machtmensch reden muss

Helmut Kohl ist bekannt als "Birne", "Überkanzler", "Oggersheimer". In diesem Film ist der Mensch Helmut Kohl zu sehen. Kohl legt großen Wert darauf, immer menschlich zu sein, auch im Amt. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Helmut Schmidt: Mit dem ein Glas Wein trinken sei nicht drin gewesen, der "war aus meiner Sicht immer im Dienst". Auch bei der Spendenaffäre, behauptet Kohl, habe er menschlich ordentlich gehandelt, wenn auch juristisch falsch. Ende der 90er-Jahre wurde bekannt, dass Kohl Geld für die CDU angenommen hatte, was er dem Bundestagspräsidenten aber nicht meldete - anders als es nötig gewesen wäre. Nicht nur verschwieg er den Eingang des Geldes, er behauptet auch bis heute, die "vier, fünf" Spender hätten ihre Namen nicht genannt wissen wollen, und ihnen habe er sein Wort gegeben. Einmal angenommen, es seien tatsächlich vier oder fünf Spender gewesen, die der CDU etwas Gutes tun wollten, bliebe die Frage, warum sie alle den Kanzler dazu genötigt haben sollten, sich mit dem Gesetz in Konflikt zu bringen.

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Auf die Anspielung darauf, ob es nicht eigentlich der Filmunternehmer Leo Kirch gewesen sei, der ihm eine Großspende gegeben habe, antwortet Kohl unwirsch: Da habe es dann geheißen, im Zug der Einführung privater Fernsehsender, bei der Kirchs Unternehmen vornean stand, "ich sei ihm speziell zu Diensten gewesen". Davon könne keine Rede sein. Er habe zwar die Einführung des Privatfernsehens unterstützt, aber vor allem habe der damalige Minister fürs Fernmeldewesen Christian Schwarz-Schilling das betrieben. Auf die Frage, ob es numerisch vier oder fünf Spender gewesen seien, reagiert Kohl in bewährter Manier: Er habe zu dem Thema nichts mehr zu sagen. Einen zweiten Fehler räumt Kohl auch ein: Über die Verwendung des der CDU zugedachten Geldes hätte er an sich mit dem Vorstand der CDU reden müssen. Das habe er nicht getan, weil der Vorstand so viele Leute umfasst.

Leute, die mitreden wollen: Aus Kohls Sicht war das immer unpraktisch. Kreisverbände, die er parteipolitisch brauchte oder die ihm besonders gewogen waren, hatten aus seiner Perspektive natürlich mehr Unterstützung verdient als andere. Außerdem bevorzugte Kohl das Zwiegespräch: im Besonderen das mit François Mitterrand und mit Michail Gorbatschow. Richard von Weizsäcker, den Kohl mit schlechten Worten bedenkt, konstatierte: Außenpolitisch sei Kohl bei der Durchsetzung der deutschen Einheit "grandios" gewesen, innenpolitisch hingegen "holprig".

Die unkommentierte Dokumentation von Lamby und Rutz ist als historisches Lehrmaterial nicht geeignet. Wer aber lernen will, wie man als Machtmensch reden muss, sollte sich die sechs Stunden sehr genau anschauen. Folgende Regeln sind zu beachten:

1. Selbstironie und Selbstkritik sind zu vermeiden.

2. Fehler, die man gemacht hat, gibt man nur dann zu, wenn sie gerichtskundig sind.

3. Überhaupt darf man Irrtümer nur in sehr geringem Maße einräumen. Darauf angesprochen, ist es hilfreich zu sagen: "Ich weiß nicht, wovon Sie reden."

4. Kritikern sollte man den Wind aus den Segeln nehmen, indem man deren bedauerliche Unfähigkeit herausstreicht.

5. Sollte man in früherer Zeit mit diesen Kritikern gut zusammengearbeitet haben, ja auf ihre Unterstützung angewiesen gewesen sein, muss man anmerken, dass man selbst es war, der ihnen (Leuten wie Norbert Blüm und Heiner Geißler) ihre Karriere ermöglichte.

6. Sofern es dann immer noch Nachfragen gibt, muss man sich eine weitere Diskussion verbitten ("Dazu habe ich jetzt alles gesagt").

7. Der Rückblick auf die eigene Vergangenheit ist mit Bezeugungen der Enttäuschung (siehe die Kritiker) und der Dankbarkeit zu absolvieren.

8. Man gibt sich ein bisschen bescheiden: Ohne andere (die Wähler) hätte man nicht reüssiert.

9. Generell sollte man auf Details nicht eingehen (wie Wolfgang Schäuble), sondern bevorzugt über das große Ganze reden.

Und am wichtigsten Nummer 10: Man muss selbst glauben, was man sagt.