TV-Doku über Helmut Kohl Lehrstunde für Machthungrige

Menschlich sein, auch im Amt. Das war Helmut Kohl wichtig.

(Foto: NDR/ECO Media)
  • In Helmut Kohl - das Interview zeigen Stephan Lamby und Michael Rutz die besten Teile ihres Dokumentarfilms von 2003.
  • Als historisches Lehrmaterial eignet sich der Film nicht, zeigt er doch die Welt sehr aus der Perspekte von Helmut Kohl.
  • Aber wer lernen will, wie man als Machtmensch reden muss, kann aus den sechs Stunden zehn sinnvolle Tipps mitnehmen.
Von Franziska Augstein

Helmut Kohl sagte von sich: Bei der alten Frage "Würdest du von dem ein gebrauchtes Auto kaufen?" habe er in Umfragen immer gut abgeschnitten. Eine Dokumentation von Stephan Lamby und Michael Rutz macht deutlich, dass die Leute sich da nicht getäuscht haben. Kohl war auf Macht und Einfluss erpicht, nicht auf Geld. Ein altes Auto hätte man ihm, der sechzehn Jahre lang Bundeskanzler war, gewiss sorglos abkaufen können; nur seine Politik wollten viele ihm nicht abnehmen.

Wer den Menschen Helmut Kohl bloß aus Pressekonferenzen kannte, in denen seine Selbstgerechtigkeit zunächst provozierend wirkte und dann ermüdend, mochte sich fragen, wie er es je vermocht hatte, gestandene Leute, die keine rückgratlosen Ja-Sager waren, für sich einzunehmen. Die Dokumentation von Lamby und Rutz ist daher besonders jenen zu empfehlen, die für den Kanzler nichts übrig hatten: Hier finden sie einen Mann vor der Kamera, der charmant ist. Kohl lächelt, während er redet. Oft blickt er die Interviewer mit einer freundlichen Intensität an, wie sie auch bei der Anbahnung einer Liebesbeziehung passen würde. Der sechs Stunden lange Film, sagt Lamby der SZ, sei eigentlich nicht geplant gewesen.

Rekordkanzler und Mann der Einheit

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Im Jahr 2003 haben Stephan Lamby und Michael Rutz den Altkanzler porträtieren wollen. Rutz kannte Kohl schon. Lamby hatte Sorge, dass seine frühere Beschäftigung bei der Zeit ihn disqualifizieren könne: Kohl hatte bekanntlich größte Vorbehalte gegenüber den Medien, vorneweg gehörten dazu: Spiegel, Stern, der WDR und eben auch Die Zeit. Vorgespräche gab es, der Alt-Kanzler hatte seine langjährige Vertraute Juliane Weber und den politischen Adlatus Anton Pfeifer dazugerufen. Alsbald kam Kohl zu dem Punkt, der ihm bei der Beurteilung von Leuten stets ein Wegweiser gewesen ist: Er fragte Lamby, wo er aufgewachsen sei. Im Rheinland. Das war schon einmal gut. Dann wollte Kohl nähere Umstände wissen. Als er erfuhr, dass Lamby in einem Jesuitenkolleg gelernt hatte, war Letzterem seine Arbeit für die Zeit verziehen.

Vier Tage lang durften Lamby und Rutz den Altkanzler 2003 in seiner Wohnung filmen und befragen, zwei Tage lang im Frühjahr, zwei Tage lang im Herbst: quasi von morgens bis abends. Stundenlang am Stück über sich selbst Auskunft geben: Das kann nur ein starker Mensch durchstehen, einer, der an langwierige Parlamentssitzungen gewöhnt ist. Daraus entstand - mithilfe einiger anderer Interviews und Kohl-Szenen aus älterer Zeit - ein zweiteiliger Dokumentarfilm für den NDR, der schon oftmals gesendet wurde.

Leute, die mitreden wollen: Aus Kohls Sicht waren sie immer unpraktisch

Angesichts des Umstands, dass Maike Kohl-Richter offensichtlich die Deutungshoheit über ihren Mann haben möchte, der wegen eines Sturzes zu Hause mittlerweile kaum mehr sprechen kann, haben die Filmemacher sich entschlossen, die besten Teile der filmischen Aufzeichnungen von 2003 öffentlich zu machen. Kohls Ghostwriter Heribert Schwan kämpft juristisch darum, seine Gesprächsprotokolle verwerten zu dürfen. Lamby sagt, er und Rutz hätten Kohl ohne irgendwelche Auflagen befragen können. Die Auflagen hat Kohl selbst frühzeitig festgelegt: analytische Selbstkritik ist seine Sache nie gewesen. Kohl beschreibt sich und die Welt aus seiner Sicht - die durchaus eigen ist.