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TV-Doku über Charles de Gaulle:Auf tönernen Füßen

Patrick Jeudys Dokumentation will von schwachen Momenten im Leben des Charles de Gaulle erzählen. Doch der Film scheitert an der Strahlkraft des ehemaligen französischen Präsidenten, der Regisseur seines eigenen Mythos war.

Charles de Gaulle war ein bedeutender Staatsmann, dem sich, im Unterschied zu den wenigen anderen seiner Statur in der Geschichte, zweimal die Chance bot, sein Land, Frankreich, mit Geschick und visionärer Entschlossenheit aus einer schweren Krise zu führen. Das verschaffte ihm im 20. Jahrhundert ein gleichsam historisches Alleinstellungsmerkmal, dessen Image er von Anfang an mit Umsicht pflegte. Daraus erwuchs sein "Mythos vom Retter", der ihn schon zu Lebzeiten gegen Infragestellungen erfolgreich schützte und der unter allen Versuchen, ihn zu beschädigen, nur noch an Strahlkraft gewann.

General de Gaulle Ð Riese auf tönernen Füßen

Das taktische Bekenntnis zur Fehlbarkeit: Charles de Gaulle am Mittelmeer.

(Foto: © Nick De Morgoli/Pix Inc./Time)

Diese Erfahrung hätte eines weiteren Belegs nicht mehr bedurft, aber Patrick Jeudy liefert ihn dennoch mit einer höchst altmodisch anmutenden Dokumentation, die Charles de Gaulle, wie ihr Titel verheißt, als "Riese auf tönernen Füßen" vorführen will. Dass das misslingen muss, ahnt man gleich zu deren Beginn, denn Patrick Jeudy stützt seine These von den "tönernen Füßen" auf Selbsteingeständnisse von Momenten der Schwäche, die de Gaulle unmittelbar nach der Revolution des Mai 1968, die er als französischer Staatspräsident überstand, in einem Fernsehinterview gegenüber dem Schriftsteller Michel Droit machte.

Wenigstens fünfmal in seinem Leben, so de Gaulle in diesem Gespräch, drohte ihn der Mut zu verlassen, sei er verlockt gewesen, seine historische Mission, zu der er sich berufen wusste, hinzuwerfen. Dieses Eingeständnis war schon damals keine wirkliche Sensation, denn de Gaulle wiederholte damit nur, was er in seinen Jahre zuvor veröffentlichten Memoiren bereits mitgeteilt hatte. Bemerkenswert daran war lediglich der Zeitpunkt, an dem er sich veranlasst sah, dieses Bekenntnis gelegentlicher Anwandlungen von Verzagtheit öffentlich zu wiederholen, denn de Gaulle war durch die Mairevolution 1968 in seiner bis dahin unangefochtenen Stellung als erster Präsident der auf seine historisch Statur passgenau zugeschnittenen V. Republik stark erschüttert worden.

Zappelbilder, die nach Erläuterung verlangen

Eben das zeigt, ein wie umsichtiger Regisseur des eigenen Mythos, der sein wichtigstes politisches Kapital darstellte, General de Gaulle war. Das Beispiel Napoleons, der sich über seinen Untergang hinaus bis zu seinem Tod an die Behauptung seiner unerschütterlichen Unbeirrbarkeit klammerte, diente ihm zur Lehre. Er wusste darum, dass das nachträgliche und lediglich taktische Bekenntnis zur eigenen Schwäche und Fehlbarkeit, auch und gerade wenn es im vermeintlichen Widerspruch stand zum bewährten Erfolgsmuster der starken Führungspersönlichkeit, künftig einen erheblichen strategischen Gewinn versprach. Dem widerspricht auch nicht, dass de Gaulle binnen Jahresfrist nach einem verlorenen Referendum Ende April 1969 vom Amt des Staatspräsidenten zurücktrat.

Patrick Jeudy hat die fünf Momente der Schwäche in seinem Leben, zu denen sich de Gaulle in jenem Gespräch von 1968 bekannte, mit einer Fülle historischer Filmaufnahmen zu rekonstruieren versucht. Das Verfahren bietet eine altbewährte Faszination, die sich jedoch rasch abnutzt, weil die Botschaft dieser Bilder deren wortreiche Erläuterung nicht überflüssig macht, sondern diese geradezu verlangt. Die Folge sind Zappelbilder, die von einer ebenso zähen wie atemlosen Textsauce überdeckt werden, um dem Zuschauer die Zusammenhänge und Hintergründe zu erläutern, die ihm jeweils nur in zufälligen Abziehbildern gezeigt werden können. Weitaus sinnvoller wäre es gewesen, für jene fünf Momente jeweils Spielhandlungen vorzusehen, die in dramaturgischer Verdichtung den Protagonisten in der Konfrontation mit seinen Zweifeln an sich und seiner Mission zeigen.

Derlei ist zwar immer eine Krücke, die aber wie jede eine Hilfe ist. Darauf verzichtet die Dokumentation jedoch konsequent. Die Folge davon ist, dass sie an demjenigen, der nicht über gute historische Kenntnisse der französischen Geschichte verfügt, einfach vorüberrauschen wird. Wer jedoch halbwegs Bescheid weiß, der wird aus ihr nichts Neues erfahren. Das Erlebnis, General de Gaulle gelegentlich mit einem Tropenhelm auf dem Kopf agieren zu sehen, ist für diese Enttäuschung jedenfalls ein zu schwacher Trost.

General de Gaulle. Riese auf tönernen Füßen, Arte, Dienstag, 20.15 Uhr

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