TV-Doku "Der heimliche Blick" Als DDR-Bürger alles sagen durften

Ein Rentnerehepaar spricht über den Kampf mit der Hausgesellschaft.

(Foto: rbb)
  • Ein Dokumentarfilm zeigt bisher unbekanntes Material über das Leben in der DDR.
  • Die Aufnahmen zeigen schonungslos heruntergekommene Mietshäuser, Menschen berichten ungeschönt aus ihrem Alltag.
  • Entstanden sind die Filme mit dem Segen der DDR-Führung. Sie sollten als Anschauungsmaterial dienen, nachdem alle Krisen überwunden gewesen wären.
Von Antonie Rietzschel

Die Aufbauhelferin der DDR trägt Dederon. In der urtypisch geblümten Polyester-Schürze beschreibt sie ihren jüngsten Kampf - mit der Hausverwaltung. 20 Jahre lang muss sie mit ihrem Mann zuhause Schüsseln aufstellen, weil es in die Wohnung regnet. Kaum waren die Dachdecker weg, kam der Schimmel. Doch die Wohnungsverwaltung will den Schaden nicht entfernen lassen. "Ich habe nicht locker gelassen, ich habe die so eingeschüchtert", sagt sie. "Das kannste doch nicht sagen, ist doch 'ne Kamera hier", unterbricht ihr Mann.

Saubere und erschwingliche Wohnungen für alle, glückliche Arbeiter, lächelnde Pioniere - so präsentierte sich die DDR am liebsten in Film und Fernsehen. Im real existierenden Sozialismus lebten jedoch selbst hoch angesehene Bürger in Bruchbuden. Auch diese Seite wurde dokumentiert - und zwar mit dem Segen der DDR-Führung, wie die Dokumentation "Der heimliche Blick" vom RBB erstmals zeigt.

300 Filmrollen - bisher ist nur ein Bruchteil restauriert

Der Film beschreibt die Arbeit der Staatlichen Filmdokumentation (SFD), die zwischen 1972 und 1986 Filme über den Alltag der Menschen drehen ließ. Es sind ungeschönte, ungestellte Aufnahmen, die jedoch kein DDR-Bürger zu sehen bekam. Waren sie doch für die Zukunft bestimmt. Für eine Zeit in der sich der Sehnsuchtswunsch "Auferstanden aus Ruinen" tatsächlich erfüllen würde. Im perfekt funktionierenden Kommunismus sollten die Menschen zurückschauen können auf die Qualen der Anfangszeit, so das Ziel. Bis dahin wanderten die Filme ins Archiv. 300 Filmrollen. Bisher ist nur ein Bruchteil restauriert worden.

Der Kamermann des SFD bei der Arbeit.

(Foto: rbb/Peter Badel)

Thomas Eichberg und Holger Metzner haben nun einen 45-minütigen Dokumentationsfilm über den SFD gedreht. Stützen konnten sie sich dabei auf ein Forschungsprojekt von Anne Barnert aus dem Berliner Institut für Zeitgeschichte. Neben den früheren Filmemachern kommen auch einige Porträtierte zu Wort. Am spannendsten sind jedoch die Originalaufnahmen. Im Wissen, dass die Aufnahmen möglicherweise nie gezeigt würden, spricht ein SED-Funktionär schonungslos über die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, wie Druck auf die Bauern ausgeübt wurde. Ein Kranführer berichtet fast schon resigniert von einer heruntergekommenen Industrieanlage.

Schauplatz der Filme ist vor allem Ost-Berlin, Prenzlauer Berg. Verantwortlich dafür ist möglicherweise das begrenzte Benzinkontingent des SFD. Mit 70 Litern im Monat kam man nicht weit.

Dreh bei der Volkspolizei

Der größte Erfolg gelingt dem SFD aber 1985. Mit dem Segen des Innenministeriums darf das Team tagelang auf einer Wache der Volkspolizei drehen, sogar versteckte Kameras und Mikrofone werden eingesetzt. So bekommen die Filmemacher ein Verhör mit einem jungen Mann mit, dessen verstrubbelte Frisur sehr an den Sänger von The Cure erinnert. Der Beamte rät ihm, so nicht auf die Straße zu gehen. "Meine Kinder haben Angst vor so einem Typen wie Sie."

1986 stellt der SFD seine Arbeit schließlich ein. Die Kosten sind ein Grund. Gleichzeitig ist den Machthabern klar, dass die Krise der DDR nicht einfach vorübergeht. Der Staat steht kurz vor dem Bankrott - die Zahl der oppositionellen Gruppen wächst, genauso wie die der Ausreisewilligen. Das Land steuert dem Untergang entgegen. Wie es dazu kommen konnte, hat die DDR-Führung selbst eindrücklich dokumentieren lassen.

Der heimliche Blick , RBB, 22:45 Uhr