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TV: Der Mauerschütze:Es ist nicht einfach

Aber es passiert - nichts. Für diese so wichtige Entscheidung reicht, dass einer seiner Patienten, ein krebskranker Junge, ihn fragt, was er machen würde, wenn er nur noch kurze Zeit zu leben hätte. "Stefan wird klar", sagt Benno Fürmann in einem Interview, das in der Pressemappe zum Film abgedruckt ist, "dass er endlich reinen Tisch mit seiner Vergangenheit machen muss, dass er das dem Opfer und den Angehörigen schuldig ist." Hinderlich an dieser Begründung ist nur: Der erfolgreiche 38-jährige Arzt Dr. Stefan Kortmann hat nicht nur noch wenige Tage zu leben.

Trotzdem fährt er, sichtlich an der schweren Schuld tragend, auf die Ostseeinsel Usedom, nimmt den krebskranken Jungen mit, lernt die Frau kennen (Silke Strehlow, gespielt von Annika Kuhl), die vor 20 Jahren durch seine Tat zur Witwe geworden ist - und schläft mit ihr. Das ist der Punkt, an dem man merkt, dass nicht die Figuren die Handlung vorantreiben, sondern dass das erfundene Konstrukt des Drehbuchs den Fortgang der Geschichte erzwingt.

Die Autoren (Hermann Kirchmann, Scarlett Kleint und Alfred Roesler-Kleint) brauchen ja eine Fallhöhe für den Moment, in dem Kortmann sein tragisches Geheimnis preisgibt. Und die Schicksalhaftigkeit ist naturgemäß größer, wenn man einer vermeintlich geliebten Person beichten muss, dass man selbst der Täter ist.

Jedenfalls nimmt man Kortmann nicht ab, dass sein Herz ohne erkennbaren Grund für diese Frau entflammt, die mittlerweile eine Fischerin ist, mit Fischkutter und kleiner Pension. Das sind Anleihen an eine Schmonzette, die man eher bei einer Degeto-Produktion vermuten würde. Der nötige Realismus, der für ein solches Thema nötig wäre, wird einem dadurch verwehrt.

Schon wahr, es ist nicht einfach, eine politische Geschichte über die jahrelang geteilte Nation mit all ihren Obertönen und gesellschaftlichen Untiefen gefahrlos zu erzählen. Immerhin erkennt man die gute Absicht, nicht nur oberflächliche Emotionen zu bedienen. Dem Regisseur Jan Ruzicka war wohl bewusst, dass solch ein Stoff, wenn überhaupt, nur unaufgeregt und leise präsentiert werden kann. Das Spiel der Schauspieler ist also einigermaßen glaubwürdig, besonders bei denen, die nichts von dem dunklen Geheimnis wissen. Und solange sie nichts davon wissen.

Doch wenn es dann bekannt ist, beginnt der Tanz auf unsicherem Gelände. Die Töne werden lauter, der Schmerz wird gespielt, nicht gefühlt, für die inneren Kämpfe zwischen Liebe und Enttäuschung findet der Regisseur keine neuen Bilder. Das weite, stille Meer als Folie. Das davonfahrende Boot als Bild der Enttäuschung und des Schmerzes. Der Leidende, der am Strand wegläuft Richtung Horizont. Und der krebskranke Junge (gespielt von Max Hegewald), der sich beim ersten Anblick des Meeres mit dem Rücken in den Sand legt und die salzige Luft atmet. Und wenn er dann stirbt, dann halbnackt und verloren auf einem kleinen Boot mitten auf dem dunklen Meer.

In dem Begleitheft zum Film sagt Regisseur Ruzicka: "Auf diese Weise ist das Thema 'Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze' oder vielmehr die Schuldfrage der Mauerschützen und ihrer Befehlsgeber meiner Ansicht nach noch nie erzählt worden."

Man ist fast geneigt, das nicht als Unglück zu empfinden.

Arte, 20.15 Uhr. ARD, 3.8, 20.15 Uhr.