Süddeutsche Zeitung

TV-Berichterstattung aus Libyen:Das Rennen nach Tripolis

Lesezeit: 3 min

Die Reporterin Alex Crawford schaffte es als erste Journalistin nach Tripolis, als sich die Ereignisse dort überschlugen. Ihr Plan war gewagt, doch er ging auf. Die vierfache Mutter ließ auch das deutsche Fernsehen hinter sich und erntet nun den Ruhm.

Janek Schmidt

Die Nacht war über Nordafrika hereingebrochen, und Alex Crawford hatte ihren Schutzhelm tief in die Stirn gezogen. Über das gesamte Wochenende hatten sich Berichte verdichtet, wonach die libyschen Rebellen in Richtung der Hauptstadt Tripolis vorstießen. Dort saßen mehr als 30 westliche Journalisten im Hotel Rixos, in dem das Regime Reporter unterbringt.

Doch hatten Aufpasser der Behörden dort den Ausgang versperrt und verhinderten somit Berichte über den Rebellenvormarsch. Das hatte Crawford vorausgesehen und daher einen Umweg gewählt. Ihr Plan war riskant. Doch er ging auf, und so sendete Crawford Sonntagnacht für den britischen Sender Sky News die ersten Live-Bilder des Rebellenvorstoßes aus Tripolis - und erntet seitdem Lob ihrer gesamten Zunft.

Für ihren Umweg in die Hauptstadt nutzte Crawford aus, dass sie bereits im März die Küstenstadt Zawiya, 50 Kilometer westlich von Tripolis, besucht hatte. Seitdem pflegte sie Kontakte zu einigen Aufständischen und reiste am Samstag erneut dorthin, als sich abzeichnete, dass die Rebellen im Westen am schnellsten vorrücken würden. Am Folgetag legte sie dann eine schusssichere Weste und einen Helm an, stieg mit ihrem Produzenten und zwei Kameramännern auf einen Geländewagen der Rebellen und reihte sich ein in den Konvoi nach Tripolis.

Um Bilder von der historischen Fahrt direkt nach London zu schicken, kombinierte Crawford alte und neue Technologien. Einer der zwei Kameramänner hatte sein Laptop mit einer kleinen tragbaren Satellitenschüssel verbunden. Diese war an den Zigarettenanzünder des Geländewagens angeschlossen, um die Stromversorgung während der Fahrt zu sichern. "Unser Produzent Andy Marsh musste die Sende-Geräte vorsichtig ausrichten", berichtet Crawford später.

Dafür verwendete er einen Kompass, mit dem er die Satellitenschüssel in kurvigen Abschnitten der Straße in die beste Senderichtung aussteuerte. So sendete Sky News am Sonntag über mehrere Stunden als erster live aus Tripolis - während die Zuschauer der deutschen Kanälen vergeblich auf ähnliche Bilder warteten.

Weder ARD und ZDF noch n-tv oder N24 folgten am Sonntag dem Vorbild ihrer ausländischen Konkurrenz mit Live-Berichten über Libyen. Warum? Auf Nachfrage sagt ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, "natürlich haben wir bereits am Sonntag über einen Brennpunkt diskutiert". Doch seien viele Informationen über den Rebellen-Vorstoß ungesichert und widersprüchlich gewesen. Zudem mangelte es an neuen Bildern.

Auf eine Live-Schaltung nach Tripolis musste die ARD verzichten, da ihr Korrespondent Jörg Armbruster am 22. Juli ausgewiesen worden war, nachdem er sich über geringe Bewegungsfreiheit beklagt hatte. Nun versuche Armbruster wieder nach Tripolis zu kommen. Ähnlich äußerte sich das ZDF. Doch habe der Sender seinen Korrespondenten Uli Gack nach Ausbruch heftiger Kämpfe am Dienstag auf eigenen Wunsch aus Tripolis in eine andere Stadt abgezogen, sagte Chefredakteur Peter Frey: "In diesen Fällen muss man zwischen Schnelligkeit und Sicherheit wählen und kann nicht Leute in ein unkalkulierbares Risiko schicken."

Später gelangten auch Zeina Khodr, Reporterin des arabischen Senders al-Dschasira, und Sara Sidner von CNN nach Tripolis. Doch die Anerkennung erhielt Crawford, die bereits zuvor von der Royal Television Society, einer gemeinnützigen Organisation, dreimal als Reporterin des Jahres ausgezeichnet worden war.

Nach ihrer gewagten Fahrt verbreitet sich nun ihr Ruhm. Die Live-Bilder aus dem Geländewagen haben bereits mehr als 16 000 Menschen auf Youtube gesehen, und sogar der CNN-Moderator Piers Morgan verkündete: "Ich weiß, dass ich für eine konkurrierende Anstalt arbeite, aber die Live-Berichterstattung von Alex Crawford von einem Rebellen-Truck aus Tripolis ist heroischer Journalismus."

Doch das ist nur eine Sicht der Dinge. Im vergangenen Jahr hatte Crawford selbst von den Nachteilen ihrer Arbeit erzählt. "Bevor ich auf eine Reporter-Reise gehe, fragen mich meine Kinder meist aus", sagte die vierfache Mutter in der Zeitung Independent: "Warum muss ich so lange weg? Warum ausgerechnet an diese Orte?"

Es falle auch ihr schwer, Antworten auf diese Fragen zu finden, sagte die heute 48-Jährige. Sie benannte damit ein Dilemma, das wohl jeder Reporter in Krisengebieten für sich klären muss - und über das jeder Sender abwägen muss, der Bilder aus diesen Gebieten zeigen will.

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Quelle:
SZ vom 24.08.2011
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