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Serien:Nächster Versuch

Serie Trying, Apple TV+
Pressebilder nur zur Verwendung für die Berichterstattung zur Serie

Die meisten Freunde von Nikki und Jason haben die Punkte ihrer Bucketlist abgehakt. Aber Glück funktioniert anders.

(Foto: Apple TV+)

"Trying" stellt in den Mittelpunkt, was die meisten Serien eher nebenbei erzählen: den verzweifelten Wunsch, ein Kind zu bekommen. So deprimierend, wie es klingt, ist das Ganze aber keineswegs.

Von Luise Checchin

Gäbe es einen Preis für die Sexszene mit dem geringsten Sexappeal in einer Serie, Trying wäre für den Jahrgang 2020 sicherlich eine aussichtsreiche Kandidatin. Im kalten Neonlicht eines Londoner Doppeldeckerbusses treibt es das Paar Nikki und Jason in der Einstiegsszene miteinander, während ein paar Sitze weiter eine Frau schläft (nicht besonders fest, wie sich herausstellt). Dabei haben die beiden noch nicht einmal Lust auf Sex, sie hatten nur vergessen, dass dies der letzte fruchtbare Tag in Nikkis Zyklus ist. Dass der Kinderwunsch dieser Mittdreißiger groß ist, größer noch als ihr Schamgefühl, hat man schnell verstanden. Fast genauso schnell stellt sich heraus, dass er sich nicht erfüllen wird, zumindest nicht so, wie gedacht.

Weil die beiden auf natürlichem Weg kein Baby bekommen können, bleiben ihnen genau zwei Optionen. Die eine, wie Nikki sie formuliert: "Ein kleiner Teil von uns stirbt, und wir machen weiter mit dem, was noch übrig ist." Die andere heißt Adoption. Die Entscheidung für Option Nummer zwei kristallisiert sich in den ersten zehn Minuten der Pilotfolge heraus, allein das macht Trying, die erste europäische Apple-TV-Produktion, interessant. Während ungewollte Kinderlosigkeit in etlichen Serien der vergangenen Jahrzehnte als rühriger Nebenstrang firmierte, ist sie in Trying die Hauptsache. Und anders als etwa bei Friends oder Sex and the City läuft hier nicht alles auf das absehbare Ziel eines an Niedlichkeit kaum zu übertreffenden Adoptivbabys hinaus - es geht um den Prozess, den ein Paar durchläuft, bevor es überhaupt als Adoptiveltern in Frage kommt.

Im Fall von Nikki und Jason beinhaltet der Unmengen an Informationsabenden und Papierkram, demütigende Befragungen, eine toxische Verwandtschaft und nagende Selbstzweifel. Das alles ist nicht annähernd so deprimierend anzuschauen, wie es klingt, im Gegenteil. Trying ist zu großen Teilen eine Satire auf ein nicht mehr ganz junges, urbanes Biedermeier, das sich an seinen hohen Lebensansprüchen verschluckt zu haben scheint. Nikki und Jason leben im Londoner Stadtteil Camden, einem Ort mit deutlich erhöhter Chiasamen-Pudding-Dichte, und spätestens nach Einführung ihrer besten Freunde (tolle Jobs, tolle Kinder, massive Eheprobleme) hat das Publikum verstanden, dass man alle Punkte seiner Bucketlist (also alle Dinge, die man vor seinem Tod erlebt haben möchte) abgehakt haben und trotzdem unglücklich sein kann.

Vor dieser Folie haben Nikki und Jasons Unzulänglichkeiten - die biologischen wie die lebenspraktischen - etwas geradezu Befreiendes. Beide stecken in Übergangs-Jobs fest, sie trinkt etwas zu viel, er trägt bevorzugt Ramones-T-Shirts. Trying ist auch eine Entwicklungsgeschichte zweier Figuren, die beim Versuch, ein Kind zu bekommen, merken, dass sie selbst noch nicht ganz erwachsen sind.

Glücklich miteinander sind sie dafür allemal, davon zeugen auch die durchweg ausgezeichneten Dialoge dieser Serie: "Denkst du, es würde sich wie das Kind eines anderen anfühlen?", fragt Nikki einmal. "Vielleicht am Anfang, aber ich denke, man würde es einlaufen, so wie Sportschuhe", antwortet Jason. Wenn Elternsein die Fähigkeit voraussetzt, auch in den nervenaufreibendsten Situationen den Humor zu bewahren, dann müssten die beiden gut vorbereitet sein.

Trying, bei Apple+*

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© SZ vom 13.05.2020/luch

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