"True Crime"-Trend Echt ist manchmal zu echt

True Crime: Was ist der Reiz an echten Kriminalfällen?

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  • Seit Jahren boomt das Genre "True Crime", Podcasts, Serien und Magazine erzählen die Geschichte von echten Kriminalfällen.
  • In keinem anderen Genre kann die Realität die Fantasie so toppen wie beim Verbrechen.
  • Nun startet auch die ARD ein eigenes "True Crime"-Format.
Von Claudia Tieschky

Anfang August brachte Sat 1 eine Sendung, die irgendwo zwischen Krimi und Ratespiel lag. Darin sah man den echten Kriminalhauptkommissar Peter Honecker aus Essen, wie er zu einem Mordopfer gerufen wurde - ein skrupelloses Luder von Radiomoderatorin war dahingegangen. Nur war alles erfunden und extra für den Kommissar mit Schauspielern inszeniert; Honecker sollte im Krimiduell diesen fiktiven Fall innerhalb von 48 Stunden lösen. Während er Intrigen und Affären im Sender entdeckte, Speichelproben nahm, vom Nachdenken Boxerhundfalten bekam und dabei echt zackig ermittelte, wurden oben im Bild immer wieder die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr eingeblendet, bekannt durch ihre sehr erfolgreichen Allgäuer Kluftinger-Krimis. Sie hatten sich den Fall ausgedacht und kommentierten jetzt sozusagen von Wolke sieben herunter vergnügt den Ermittlungsstand in einer südwestlichen Dialektfärbung, die zugleich bretthart und kugelrund klingt. Es war ein charmantes, versponnenes Stück Privatfernsehen, das, obwohl ausgedacht, dank der Präsenz von Ermittler Honecker überdies an einen Megatrend andockte, an die Wirklichkeit, das echte Leben, oder wie es in Fachkreisen gern heißt: Real Life.

Echt jetzt? Das Unterhaltungsfernsehens versucht, diese Frage heutzutage so oft wie möglich mit Ja zu beantworten, oder es wenigstens dokumentarisch aussehen zu lassen.

Es ist, als hätten die Anschauungsmöglichkeiten aller Dinge im Internet, als hätten Webcams und Handyvideos dem Reiz der Fiktion einen anderen, ebenso starken entgegengesetzt: das Faktische.

Nach "Aktenzeichen XY" legte sich Krimiautor Michael Kobr einen Axtstiel unters Bett

Am erstaunlichsten war diese Entwicklung vielleicht im Krimigenre. Zwar ist da immer noch der dramatische Überschuss an Tatorten, Sokos und Schmunzelkrimis im TV-Programm, an Ermittlern in Wismar, Venedig oder Rosenheim, aber eine vollnormale Fernsehleiche sieht heutzutage irgendwie alt aus. Viel millennial-mäßiger ist True Crime ohne feste Sendezeit, Geschichten von echten Fällen also, abrufbar als Audio-Podcast oder Dokuserie im Streamingdienst. Es begann möglicherweise 2004 mit der TV-Miniserie The Staircase über einen realen Mordprozess, deren neue Folgen in diesem Jahr bezeichnenderweise nicht mehr das Fernsehen, sondern Netflix herausgebracht hat. Es boomte 2014 mit dem von der Journalistin Sarah Koenig präsentierten Podcast Serial, der erstmals von Chicago Public Radio gesendet wurde, mehr als 80 Millionen mal abgerufen wurden. Andere Beispiele sind Making a Murderer oder The Jinx (bei dem sich der Mörder gruseligerweise während der Dreharbeiten mit Selbstgesprächen auf dem Klo selbst belastete. Nie auf dem Klo reden!). Bei all dem hat man als Zuschauer das Gefühl, ganz nah dran zu sein an einer sehr fremden Wirklichkeit. Und jetzt kommt auch noch die ARD mit einem Kriminalreport am Montag zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr.

Was ist dran am Reiz der echten Fälle? Anruf bei Kluftinger-Autor Michael Kobr, der sich mit dem Spannungerzeugen ja beruflich befasst. Er denkt zuerst an "diesen Thrill" von Aktenzeichen XY. "Als Heranwachsender war das ein echter Kick." Einmal holte Kobr damals einen Axtstiel aus dem Keller und legte ihn unters Bett, als er nach der ZDF-Sendung allein zu Hause war - "weil ich dachte, die Verbrecher laufen ja alle tatsächlich frei herum". Wenn man ihn weiter fragt, ob die Faszination am echten Verbrechen nicht etwas Abgründiges ist, dann sagt er: Natürlich. "Aber da ist eine Neugier, der man sich als Mensch nicht entziehen kann. Man schaut so zwischen den Fingern durch auf dieses Grauenhafte, auf diesen dramatischen Abgrund und kann doch den Blick nicht davon wenden." Ärgert es ihn nicht, wenn er hart an einem Plot arbeitet und dann hat das Echte trotzdem mehr Kick? Kobr lacht leise am Telefon und meint, dagegen könne man nichts machen. Echte Fälle könnten ja auch eine Inspirationsquelle sein.

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Die Netflix-Serie "Making a Murderer" kommt zum richtigen Zeitpunkt: Noch nie war die Lust an realen Kriminalfällen so groß. Über einen Trend zwischen Grusel und Gerechtigkeit.   Von Katharina Riehl

Ein paar Tage später sitzt Judith Rakers in einem Hamburger Konferenzraum, gibt Interviews und will mit all dem, mit dem so schrecklich unterhaltsamen Reiz des Bösen, gar nichts zu tun haben. Rakers ist als Tagesschau-Sprecherin der Inbegriff der Seriosität, hat aber die unerschrockenene Neigung, alles Mögliche auszuprobieren. Sie moderiert nebenbei nicht nur den Talk 3 nach 9, sondern hat sich auch schon mal für eine Magier-Show und den ESC anheuern lassen. Von diesem Montag an präsentiert sie jetzt den Kriminalreport in der ARD. Der hat Vorbilder in den Dritten Programmen, wie Täter, Opfer, Polizei im RBB oder Kripo Live im MDR, alles sehr erfolgreich, nun soll das Konzept bundesweit Zuschauer finden. Laut ARD ist das neue Format eine Ratgeber-Sendung "rund um die Themen Betrugsmaschen, Einbruchserien oder die Suche nach Vermissten".

In der ersten Folge geht es unter anderem um gesprengte Geldautomaten, das Rätsel um drei ausgesetzte Neugeborene in Berlin, aber auch den Mord an der jungen Frederike Möhlmann im Jahr 1981, für den ein Mann erst verurteilt, in nächster Instanz freigesprochen und Jahre später durch DNA-Analyse überführt wurde; angeklagt werden könne er aber nach deutschem Recht nicht noch einmal, wird erklärt. Rakers wird live aus dem Studio in Frankfurt moderieren und auch "Interviews mit Experten, Opfern von Kriminalität und Gewalt und gelegentlich auch mit Politikern" führen. Im besten Fall vermittle der Kriminalreport "praktische Tipps und sorgt für Aufklärung", meint sie, etwa über Super-Recognizer in der Polizeiarbeit, Menschen, die sich Gesichter extrem gut merken können. Es gebe zwar nachgestellte Szenen zu Dokumentationszwecken, aber nicht in jedem Beitrag. Judith Rakers sagt: "In unserer Sendung gibt es keine Fiktion und auch keine Unterhaltung."

Weniger Probleme mit dem Begriff Unterhaltung hat Giuseppe di Grazia. Kein Wunder, denn er ist damit supererfolgreich, also in Zeiten bröckelnder Auflagen ein Goldjunge für seinen Verlag Gruner + Jahr. Di Grazia ist Vize-Chef des Stern und Chefredakteur des Ablegers Stern Crime - wahre Verbrechen, dessen neueste Nummer sich laut Verlag 80 000 Mal verkaufte. 81 Prozent der Leser sind nach einer Verlagserhebung Frauen, die außergewöhnlich langen Beiträge werden durchschnittlich von 85 Prozent der Leser komplett gelesen. Es geht um echten Mord und Totschlag, manchmal auch, wie im aktuellen Heft, um die dunkle Seite des Geschlechtslebens. "Sex und Tod sind enge Freunde. Ihre Freunde" steht auf dem Titelbild, das so gefährlich rot gefärbt ist wie einst die Taschenbücher von Goldmanns Roter Reihe. Das Motto der Ausgabe lautet "Lust".

Di Grazia weiß, sein Publikum will unterhalten werden und sieht keinen Grund, sich für Unterhaltsamkeit zu entschuldigen. Er sagt, gerade weil man sich mit wahren Begebenheiten befasse, müsse man besonders seriös und faktensicher sein. Es gibt ja wenig zu deuteln, das Verbrechen ist ein klassisches Themen des Boulevards. Aber Crime soll, sagt sein Chef, ein Qualitätsprodukt und "möglichst literarisch" sein. "Unsere Reporter recherchieren sehr lange und intensiv für unsere Geschichten, und schreiben die Fälle dann sehr zurückhaltend auf." Man müsse den Spannungsbogen aus Krimis auf die wahren Fälle übertragen und dabei "zu hundert Prozent akkurat" sein. Innerhalb dieses Rasters, sagt di Grazia, habe der Autor nahezu alle Freiheiten. Alle Stern-Journalisten, die für Crime schreiben, hätten "mit Sicherheit das Zeug, Kriminalromane zu schreiben". Vermutlich ist es aber so, dass es in Film und Literatur kein anderes Gebiet gibt, auf dem die Realität die Fantasie so toppt wie beim Verbrechen.

Auf Instagram -Fotos liegt "Stern Crime" neben Cocktails - ein seltsamer Gegensatz

Vor einer Weile hat der britische Independent sich der Faszination der Leser am Bösen gewidmet und diagnostizierte schnell, sie sei so alt wie der Journalismus selber. Als einschlägig wurde das 1924 gegründete US-Magazin True Detective genannt, auf das auch Giuseppe di Grazia zu sprechen kommt. Auf dem Cover sah man damals in der Regel eine vollbusige Frau mit vor Schreck geweiteten Augen - doch die Texte kamen sogar von Schriftstellern wie Dashiell Hammett. Und natürlich ist der unerreichte Meister des Genres Truman Capote in dem 1966 erschienenen Roman über den Mord an einer Familie in Kansas und seine Aufklärung. Cold Blood, Kaltblütig ist laut Untertitel der "Wahrheitsgemäße Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen".

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Auch die Zeit hat seit April ein Heft über "Verbrechen" mit Geschichten, die schon früher in der Zeit erschienen sind - und der Fortsetzung, was aus dem Fall wurde. Stern-Mann di Grazia sagt, seit sein Heft 2015 auf den Markt kam, habe sich der Boom noch verstärkt, man habe "genau die richtige Welle erwischt". Im aktuellen Heft kann man die Geschichte einer attraktiven Amerikanerin lesen, die mit ihrem Mann in ein Garnisonskaff versetzt wird und mit Hilfe des Internets "die Welt hinter dem Schleier" entdeckt, also auf tödliche sexuelle Abwege gerät. Es geht um den rätselhaften Fall eines Bäckergesellen aus dem Siegerland, der 1984 nackt und mit fast abgerissenem Arm auf dem Beifahrersitz eines Autos gefunden wurde und wenig später starb; bis heute weiß keiner, was geschah. Oder um den Mörder Kyriakos Papachronis, über den es im Stern Crime-Jargon heißt: "Er begehrte die Frauen, er wollte von ihnen geliebt werden. Niemand ahnte, wie schwer er es ertrug, dass sie diese Macht über ihn hatten."

Es ist ein seltsamer Gegensatz: Auf Instragram findet man Fotos, auf denen Crime neben Strandhandtüchern und bunten Cocktails angeordnet ist, gar nicht als Guilty Pleasure, sondern einfach als Schmöker. Und doch hat man nach der Lektüre der aktuellen Nummer das Gefühl, dass die Welt verdammt gefährlich ist und man sich vielleicht etwas zur Verteidigung besorgen oder besser gleich selbst unters Bett legen sollte.

Zu nah soll das Verbrechen doch nicht kommen. Judith Rakers hat da Erfahrung. Als der NDR einmal einen besonders experimentellen Tatort plante, sollte es aussehen, als würde sie noch im Studio der Tagesschau bei laufender Kamera als Geisel genommen. Man dachte an ein Spiel mit der Wirklichkeit wie einst bei Orson Welles Krieg der Welten. Doch nach dem Terror-Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris hatte die vorgesehene Simulation einer echten Geiselnahme auf einmal sehr stark an Reiz verloren. Bei der Ausstrahlung tat der NDR am Ende viel dafür, dass die Zuschauer nicht wirklich an eine Geiselnahme im Studio glaubten. Echt ist manchmal einfach zu echt.

Oder wie es Kobr sagt: "Im Endeffekt ist im Krimi am Schluss niemand gestorben. Das ist für uns ja auch das Schöne."

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