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True-Crime-Doku im ZDF:Die Hölle nach dem Mord

Höllental

Gedenkstein für Peggy Knobloch in Nordhalben.

(Foto: Alexander Gheorghiu/ZDF und Alexander Gheorghiu)

Eine wohltuend distanzierte, dokumentarische Serie über den Fall Peggy benennt alle noch so absurden Spuren.

Von Olaf Przybilla

Worauf sie sich da eingelassen hat, wusste die Filmemacherin Marie Wilke bald nach Drehbeginn im fränkischen Lichtenberg. Ein CSU-Landtagsabgeordneter ließ ihr 2017 öffentlich mitteilen, der Titel Höllental für eine geplante Doku-Serie über den Fall Peggy sei "absolut fehl am Platz", immerhin werde dadurch eines der schönsten Täler des Frankenwaldes in ein ungutes Licht gerückt. In der Lokalpresse war von einem weiteren "Schlag auf die Seele" für alle Lichtenberger zu lesen. Mehr noch: Mit dem Titel werde "einer der schönsten Plätze des Frankenwaldes missbraucht".

Mehr als drei Jahre hat Wilke an den sechs Teilen ihrer dokumentarischen Serie über den Fall Peggy gearbeitet. Dass sie es bei dem früh angefeindeten Titel belassen hat, deutet an, dass sich da jemand nicht beirren lässt. Höllental klingt plakativ. Nur liegt Lichtenberg eben oberhalb eines Waldeinschnitts, dessen geografischer Begriff damit korrekt wiedergegeben ist: Höllental. Auch dürfte es kaum zu bestreiten sein, dass in den fast zwanzig Jahren seit dem Mord an einer Neunjährigen viele durch die Hölle gegangen sind - nicht zuletzt die Menschen einer 1100-Einwohner-Stadt an der bayerisch-thüringischen Grenze.

Alle wichtigen Spuren werden benannt, so abrupt und absurd sie auch enden mögen

Es gibt in diesem Werk über einen der rätselhaftesten Kriminalfälle der Nachkriegsgeschichte kein fiktionales Material, nicht mal eine Erzählstimme schaltet sich deutend ein. Wilke beschränkt sich darauf, kaleidoskopartig die Perspektiven von Polizisten, Reportern und Beteiligten ineinanderzuweben, so widersprüchlich diese auch sein mögen. So entsteht kein scharf konturiertes Bild, eher der verwischte Abzug einer vieldeutigen Aufnahme. Aber alle kommen zu Wort. Alle dürfen ihre Version der Geschichte darlegen. Und nahezu alle wichtigen Spuren werden zumindest benannt, so abrupt und teils absurd diese auch enden mögen.

Ein Schlag auf die Seele Lichtenbergs? Der Kleinstadt wurden seit 2001 schon allerlei unrühmliche Rollen zugewiesen: die des verschwiegenen Horrororts im Wald, dessen Bewohner viel wissen, aber wenig sagen, um sich gegenseitig zu decken; die der versponnenen Hinterwäldlerkommune, deren Bürger ein rechtskräftiges Mordurteil gegen einen kognitiv schwer beeinträchtigten Einwohner ihres Städtchens nicht akzeptieren wollen und eine Bürgerinitiative gründen, um es aus der Welt zu schaffen; und schließlich - einen Drehbuchschreiber würde man spätestens hier für komplett meschugge erklärt haben - der Ort, an dem sich zwei Fälle verbinden: Peggy und die Mordserie des NSU.

Die blamabelste Panne: Eine angebliche Verbindung zum NSU. Da war man nun die "braune Hölle"

Wer sich nicht vorzustellen vermag, was das mit einem Städtchen macht, der kann sich nun anschauen, wie Holger Knüppel mit Worten ringt, wie sich der ehemalige - inzwischen verstorbene - Bürgermeister Lichtenbergs für eine maximal ungeschönte Variante einer Wirkungsgeschichte entscheidet. Fünfzehn Jahre nach Beginn der Peggy-Ermittlungen war 2016 vermeintliches Genmaterial des NSU-Mörders Uwe Böhnhardt an den aufgefundenen Skelettteilen von Peggy festgestellt worden - die bislang blamabelste Panne in der an Fragwürdigkeiten nicht armen Geschichte dieses Falls. Nur stellte sich das erst Monate später heraus. In der Zwischenzeit war Lichtenberg vogelfrei. Nun war man also auch noch "braune Hölle", erzählt der Bürgermeister, weil die NSU-Terroristen ja Beziehungen zu dem Ort gehabt haben müssten, wie fände man da sonst auch hin? Die Lichtenberger waren folglich nicht mehr nur "Kinderschänder und Leute, die alles verheimlichen wollen". Sondern auch noch ein "Nest von lauter Braunen, die ein Kind verschleppt haben". Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden - hier kann man eindrucksvoll zusehen dabei.

Dass sie nichts Neues zum Fall beitrage, wird Wilke nun vorgehalten. Das mag angesichts eines insgesamt viereinhalbstündigen Doku-Formats wie ein kapitaler Vorwurf klingen. Tatsächlich zielt er ins Leere. Dass sie keinen "investigativen Anspruch" verfolgt, betont die Filmemacherin selbst. Nur so dürfte diese wohltuend distanzierte Arbeit möglich gewesen sein. Fast 20 Jahre nach dem ungeklärten Mord äußern sich zu dem Fall üblicherweise Menschen, die einem Lager zuzurechnen sind: Fallbeteiligte, die immer schon von einem bestimmten Tathergang überzeugt sind; Polizisten, die je nachdem, welcher Soko sie angehörten, ihre Ermittlungsarbeit verteidigen; und jene, die das - später aufgehobene - Mordurteil von 2004 gegen einen geistig beeinträchtigten Mann für einen der skandalösesten Schuldsprüche der Justizhistorie in der Bundesrepublik halten. Diese Serie bindet diese Lager ein. Gesellt sich aber nicht hinzu.

Fragwürdige Sache: Der inzwischen freigesprochene Beschuldigte ist zu sehen, wie er der Polizei das angebliche Verbrechen schildert

Diskussionsbedürftig ist anderes. In der Serie ist zu sehen, wie jener geistig beeinträchtigteMann den Ermittlern einst vorgeführt hat, auf welche Weise er Peggy angeblich aufgelauert und getötet haben will. Es handelt sich um Material der Polizei. Der Mann hat sein Geständnis später widerrufen. Jene Bilder bieten nun Argumente für jene, die davon überzeugt sind, dass man sich einen so detaillierten Tathergang unmöglich ausdenken kann; genauso aber für jene, die glauben, die Ermittler hätten da einen geistig Behinderten mit Fragen gezielt manipuliert, um einen Fall zu lösen.

Dieses Material ist aufschlussreich, keine Frage. Und doch wird da ein inzwischen rechtskräftig freigesprochener Mensch unter voller Namensnennung gezeigt, der vorführt, wie er ein Kapitalverbrechen begangen haben will. Auch wenn die Doku-Serie herausarbeitet, dass der Mann den Ermittlern damals Dutzende verschiedene Varianten geliefert hat, was angeblich passiert sein soll 2001 - es bleibt fragwürdig, solche Aufnahmen im Fernsehen zu zeigen.

Daran, dass dieses ZDF-Format außerordentlich ist, ändert das freilich nichts. Im Oktober 2020, kurz vor Drehende, sind die Ermittlungen im Fall Peggy offiziell eingestellt worden, nach 19 Jahren, ohne Ergebnis. Im Abspann des letzten Serienteils wird das lakonisch nachgereicht. Wilkes Werk, das nicht nach Antworten sucht, hätte kaum Besseres passieren können.

Höllental, ZDF, Freitag, 23.15 Uhr, Teil 1 und 2; Nacht zu Samstag, 0.05 Uhr, Teil 3 und 4; Nacht von 18. auf 19. Januar, 0.10 Uhr, Teile 5 und 6; alle Teile von 8. Januar an in der ZDF Mediathek.

© SZ/tyc
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