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"Werther-Effekt" bei Netflix-Serie:Alleingelassen

Die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" provoziert seit der ersten Staffel Kritik: Der Suizid der jungen Hannah Baker (Katherine Langford) würde hier romantisiert, verkomme zu einem heroischen Akt mit der Gefahr, Nachahmer zu finden.

(Foto: Beth Dubber/AP)

Nach dem Start der Serie "Tote Mädchen lügen nicht" haben Suizide unter US-Teenagern laut einer Studie stark zugenommen.

Ende März 2017 veröffentlicht Netflix eine Serie. Ein in diesen serienaffinen Zeiten alltäglicher Vorgang. Doch diesmal ist etwas anders: Kaum ist die erste Staffel Tote Mädchen lügen nicht online, melden sich weltweit Psychologen zu Wort. Einhellig warnen sie vor 13 Reasons Why, so der Originaltitel der Produktion, die vom Suizid einer Highschool-Schülerin erzählt. Die Experten befürchten Nachahmungstaten. Die Macher reagieren, indem sie ihr Werk zum wichtigen Diskussionsbeitrag erklären. Schauspielerin Kate Walsh, die in der Serie die Mutter des toten Mädchens spielt, fordert gar, die Serie in Schulen zum Pflichtprogramm zu machen.

Doch nun legen Forschungsergebnisse den Schluss nahe, dass die Warnungen vor der Serie keinesfalls unangemessen oder gar hysterisch gewesen sind.

Forscher des Ohio State University College of Medicine haben im Zusammenhang mit Tote Mädchen lügen nicht ein Phänomen beobachtet, das gemeinhin als "Werther-Effekt" bezeichnet wird. Benannt nach Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther, dessen Veröffentlichung seinerzeit zu einer Welle von Selbsttötungen junger Menschen geführt haben soll. Während dieses berühmte historische Phänomen kaum belegt ist, gibt es unzählige Studien zu dem Effekt in der modernen Zeit. Sie alle gelangen stets zum gleichen Ergebnis: Wird groß über das Thema Suizid berichtet, etwa weil sich ein Prominenter das Leben genommen hat, steigt die Suizidrate. Noch stärker kommt der Effekt zum Tragen, wenn Ort und Methode genannt werden oder die Selbsttötung legitim erscheint.

In Tote Mädchen lügen nicht geschieht genau das: Die Serie spielt nach dem Tod der Schülerin. Sie hat ihren Mitschülern selbst eingesprochene Audiokassetten hinterlassen - Geständnis und Anklage in Hörspielform. Auf 13 Kassettenseiten in 13 Serienfolgen berichtet sie von Mobbing und sexueller Gewalt. Schon der englische Titel 13 Reasons Why benennt all das als Grund ihres Suizids, der dann auch als dramatischer Höhepunkt bildlich explizit vorgeführt wird. Für Psychologen ist das ein absolutes No-go.

Betroffen waren vor allem 10- bis 17-Jährige - und anders als in der Serie vor allem Jungen

Warnungen sprachen deshalb unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention und die Bundespsychotherapeutenkammer aus; der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte gar ein Verbot. Die Forschungsergebnisse bestätigen tatsächlich ihre Sorge. Im April 2017, also dem Monat nach der Veröffentlichung der Serie, stieg die Suizidrate in den USA um 28,9 Prozent auf den höchsten Stand in fünf Jahren. Bis zum Ende des Jahres nahmen sich 195 mehr Menschen das Leben, als die Forscher aufgrund von historischen Daten prognostiziert hatten. Betroffen war vor allem die Gruppe der 10- bis 17-Jährigen, also Teenager wie die Protagonisten der Serie, Ältere seien nicht betroffen.

Entgegen der Annahme der Forscher stieg die Rate allerdings vor allem unter Jungen, obwohl sich in der Serie ein Mädchen das Leben nimmt. Sie erklären das damit, dass Mädchen zwar häufiger als Jungen Suizidversuche unternehmen, diese aber seltener tödlich enden und somit nicht in der Statistik verzeichnet werden.

Die Ergebnisse in den USA bestätigt Thomas Niederkrotenthaler, der die Gruppe Suizidforschung an der Medizinischen Universität Wien leitet. Ende Mai will Niederkrotenthaler eine eigene Studie zum Thema veröffentlichen. Diese komme mit einer anderen Methode grundsätzlich zum gleichen Ergebnis: einem deutlichen Anstieg der Teenagersuizide in den USA nach der Veröffentlichung der Serie. Anders als die amerikanischen Kollegen hat er sehr wohl eine signifikante Zunahme der Suizidrate auch bei Mädchen beobachten können. Zahlen für Deutschland sind hingegen noch nicht veröffentlicht. "Es gab zuvor bereits einige Studien zu Tote Mädchen lügen nicht", berichtet der Wiener Suizidforscher: "Diese sehen sich etwa die Aufnahme von Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten in Notaufnahmen an." Bereits dort stellte man häufigere Suizidversuche fest. Die Todesursachenstatistik, auf die sich nun die Forscher stützen, zeige darum nur die Spitze des Eisbergs, sei dafür aber erstmals national repräsentativ für die USA.

Die belastbare Hypothese: Psychisch beeinträchtigte Teenager ahmen nach, was sie bei Netflix sehen. Thomas Niederkrotenthaler kritisiert in diesem Zusammenhang die Art der Erzählung: "Höchst problematisch ist, dass alle möglichen Probleme, die Jugendliche haben, in der Serie zwingend mit dem Suizid verknüpft werden. Das Hilfesuchen wird als komplett sinnlos dargestellt." Auch die Erwachsenen wollen in der Serie dem suizidalen Mädchen nicht helfen oder sind nicht dazu in der Lage. Im schlechtesten Fall könne so bei Jugendlichen der Eindruck entstehen, es gebe für sie im realen Leben keine Hilfe bei Problemen - mit der fatalen Folge, dass sie gar nicht erst nach Hilfe suchen, die sie durchaus finden könnten.

Ein kausaler Zusammenhang lasse sich nicht beweisen, aber die Wahrscheinlichkeit sei sehr hoch

Noch etwas ist für Wissenschaftler wie Niederkrotenthaler kaum zu akzeptieren: In Tote Mädchen lügen nicht gibt die Hauptfigur anderen die Schuld an ihrem Tod. In einem Leitfaden zum Umgang mit der Serie in der Schule, die der Forscher mit Kollegen für die Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention erstellt hat, heißt es dazu: "Suizid ist nie die Schuld von Hinterbliebenen." Die Autoren der amerikanischen Studie vermeiden die Schuldfrage auch deshalb, weil sie diese nicht zweifelsfrei klären können. Sie fragen nicht nach den individuellen Gründen für die Selbsttötungen, sondern stellen nur den statistischen Anstieg infolge der Netflix-Serie fest. Dennoch drängt sich die Frage nach der Verantwortung für die 195 zusätzlichen Suizide geradezu auf. "Wir können nicht beweisen, dass sich die Todesfälle kausal auf die Serie beziehen", sagt Niederkrotenthaler: "Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie in einem Zusammenhang stehen. Das sollte Netflix nachdenklich stimmen." Den Folgen vorgeschaltete Warnhinweise hätten keinen Effekt und wirkten für Niederkrotenthaler sogar eher anregend. Als Aufklärung über Suizidalität sei die Serie keinesfalls zu empfehlen.

Anmerkung der Redaktion

Wenn Sie verzweifelt sind und Hilfe brauchen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Weitaus besser sei die Dokumentation Not Alone, ebenfalls bei Netflix. Darin spricht eine 18-Jährige, deren Freundin sich das Leben genommen hat, mit Jugendlichen über deren psychische Probleme. Netflix war für Nachfragen nicht zu erreichen. Ein Sprecher sagte vorige Woche anderen Zeitungen, man prüfe die Studie. Er verwies auf eine vorherige Untersuchung der University of Pennsylvania, die der Ohio-Studie widerspreche. Diese bezog sich aber auf die zweite Serienstaffel, welche die juristische Aufarbeitung des fiktiven Suizids nachgezeichnet hatte, und basiert nicht auf der Statistik zu Teenagersuiziden, sondern einer Umfrage unter jungen Erwachsenen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe . Zur Serie Tote Mädchen lügen nicht empfiehlt sich die Website https://www.13reasonswhytoolkit.org/ und in deutscher Sprache eine Broschüre der Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidpraevention.at/pdf/13RW.pdf