Smoothing, Bildformat, Bildfrequenz Actionfilme, die wie Seifenopern aussehen

Rebecca Ferguson und Tom Cruise in einer Szene aus "Mission: Impossible - Rogue Nation".

(Foto: AP)

Tom Cruise hat jüngst appelliert, die "Motion Smoothing"-Funktion an Fernsehern auszuschalten, damit seine Werke zur Geltung kommen. Die was? Eine kleine Anleitung zum richtigen Filmgenuss.

Von Nicolas Freund

Bei Fernsehern gab es bis vor nicht allzu langer Zeit eigentlich nur zwei Fragen: Gibt es Kabelanschluss? Und: Wie groß ist der Bildschirm? Ideale Antworten: ja. Und: sehr groß. Inzwischen aber hat sich die Anzahl der Fragen, die sich bei der Anschaffung neuer Geräte stellen, nicht nur vervielfacht - die Fragen reißen auch bei der späteren Nutzung nicht ab. Format? Bildfrequenz? Smoothing? Anschalten und zurücklehnen war gestern.

Schauspieler Tom Cruise hat kürzlich in einem Onlinevideo sein Fernsehpublikum dazu aufgerufen, die "Motion Smoothing"-Funktion an den Geräten auszuschalten, damit sein neuster Actionfilm nicht wie eine billige Seifenoper aussieht. Und damit Verwirrung ausgelöst.

Viele Haushalte nutzen heute gar keinen Kabelanschluss mehr, sondern streamen

Dass die Nutzung von Fernsehgeräten komplizierter geworden ist, liegt an mehreren Entwicklungen. Zum einen ist klassisches lineares Fernsehen, das an bestimmten Wochentagen und zu bestimmten Uhrzeiten seine Inhalte sendet, längst nicht mehr für alle der Normalfall. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat heute gut bestückte Mediatheken im Digitalangebot, sodass Inhalte oft wochenlang und rund um die Uhr auf allen internetfähigen Geräten abrufbar angeboten werden. Viele Haushalte nutzen gar keinen Kabelanschluss mehr. Fernsehen ist in diesen Fällen oft gleichbedeutend mit Netflix und Amazon Prime Video, das Abspielgerät ist nicht mehr unbedingt der Fernseher, sondern der Laptop, das Tablet oder das Handy. Mediatheken und Streamingdienste brauchen einen Internet- und keinen Antennenanschluss, um zu funktionieren.

Aus diesen verschiedenen technologischen Entwicklungen heraus sind in den vergangenen Jahren bei Filmen und Videos spezielle Formate und Abspielstandards entstanden. Deshalb ist es heute auch wichtig zu wissen, an welche dieser Formate sich welches Gerät hält. So haben iPads ein Seitenverhältnis von 4:3, was dazu führt, dass Kinofilme, die fast alle ein breiteres Bildformat haben, immer mit schwarzen Balken über und unter dem Bild abgespielt werden. Ein Film läuft im Kino außerdem in der Regel mit 24, oder selten mit 25 ganzen Bildern pro Sekunde und mit einer nur Sekundenbruchteile langen Pause zwischen jedem Bild. Das sorgt für die rasend schnelle Diashow, die in der menschlichen Wahrnehmung zu einem Film zusammengesetzt wird.

Fernseher stellen das Bild ganz anders dar, in mehrere Teilbilder zerlegt und inzwischen auch ohne das Röhrenfernseherflimmern, ähnlich wie die Darstellung im Kino mit der kurzen Blende zwischen jedem Bild. Ohne dieses Flimmern kann es aber sein, dass Bewegungen etwas abgehackt aussehen, weil eben jedes einzelne Bild wirklich für einen Sekundenbruchteil stehen bleibt. Deshalb haben neuere Fernseher inzwischen meist eine höhere Bildfrequenz als die mindestens 50 Hertz, die früher in Europa der Standard waren. Mit 50 Hertz, also 50 halben Bildern pro Sekunde, stellten Röhrenfernseher das Bild dar und entsprachen damit noch fast der Bildfrequenz, mit der Filme und Videos normalerweise aufgezeichnet werden.

Kinofilme werden, bis auf wenige Ausnahmen, noch immer mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht und wenn ein moderner Fernseher sie mit einer Frequenz von 100, 200 oder mehr Hertz darstellen möchte, muss er die zusätzlichen Bilder aus den vorhandenen 24 Bildern errechnen. Das ist weniger abenteuerlich, als es klingt: Auf ähnliche Weise werden auch alte Filme restauriert und digitalisiert. Kratzer auf dem Filmmaterial lassen sich einfach wegrechnen, indem beschädigte Teile des Bildes durch identische oder fast identische Teile eines benachbarten Bildes ersetzt werden.

Der Nachteil, wenn Fernseher selbstständig zusätzliche Bilder errechnen, ist aber, dass manches zu "real" wirkt und so aussieht, wie man es aus dem Nachmittagsfernsehen kennt: Bewegungen wirken zu flüssig und Hintergründe wie Kulissen, weil oft doch nicht jedes zusätzliche Bild berechnet wird, sondern nur die Teile des Bildes, auf denen sich etwas ändert. Alles, was sich bewegt, bewegt sich übertrieben geschmeidig; alles was sich nicht bewegt, wird praktisch eingefroren. Man spricht vom "Soap-Opera-Effekt" oder von "Motion Smoothing". Neben Tom Cruise beklagen verschiedene Regisseure den Effekt seit Jahren. Rian Johnson (Star Wars: The Last Jedi) sagte 2017, damit würden Filme wie "Durchfall"aussehen. Christopher Nolan und Paul Thomas Anderson suchten im Herbst das Gespräch mit TV-Herstellern.

Die zusätzlichen Bilder können sinnvoll sein, etwa bei Sportübertragungen mit schnell fliegenden Bällen, die sonst über das Spielfeld ruckeln würden. Bei Computerspielen und E-Sport ist der Nutzen umstritten. Bei Kinofilmen hingegen verändert der Effekt das ursprüngliche Filmbild. Bei den meisten TV-Modellen kann er in den Bildeinstellungen leicht ausgeschaltet oder zurückgefahren werden. Allerdings hat jeder Hersteller ein eigenes Wort für das Verfahren erfunden. Bei Samsung heißt es Motion Plus, bei LG Trumotion und bei Sony Motionflow.

Ähnliche Probleme aus dem Zusammentreffen von jahrzehntealter Filmkultur und neuer Technologie gibt es bei den Bildformaten. Das Standardformat für Film, Fernsehen und Computermonitore war lange 4:3 beziehungsweise 1,33:1, was fast dem 1932 von der amerikanischen Academy of Motion Pictures festgelegten Format von 1,375:1 entspricht. In den vergangenen knapp 90 Jahren haben sich aber auch viele andere Formate durchgesetzt, vor allem im Kino das sogenannte Flat- (etwa 1:1,85) und das Cinema-Scope-Format (etwa 1:2,35) und bei Bildschirmen das Standardformat 16:9. Bei beiden Kinoformaten und bei alten Fernsehserien, die noch in 1,33:1 gedreht wurden, lassen sich schwarze Streifen über und unter beziehungsweise links und rechts des Bildes auf den meisten Fernsehern und Bildschirmen deshalb nicht vermeiden. Das Format einfach anzupassen, wie es manche Streamingdienste eine Zeit lang getan haben, ist keine Lösung: Das Bildformat ist, gerade bei Kinofilmen, oft nicht nur eine technische Notwendigkeit, sondern auch eine künstlerische Entscheidung. Die Bildgestaltung durch den Kameramann und den Regisseur ist eine andere bei einem Bildverhältnis von 1:1,85 oder von 1:2,35 und mehr. Möchte man einen Film so sehen, wie er gedacht ist, sollte man in den Einstellungen Motion-Smoothing-Effekte ausschalten und das vorgesehene Bildformat auswählen.

Die Geräteentwickler haben offenbar kein Interesse an der korrekten Darstellung von Filmen

Bei neuen TV-Geräten lässt sich unabhängig vom gesendeten Format noch einmal das Bildformat einstellen, was bedeutet, dass zwei Formate das sichtbare Bild definieren: das eigene Format des Bildes und das des Fernsehers. Wenn beide nicht übereinstimmen, wird das Bild verzerrt, als würde man es mit einer falschen Linse projizieren. Bei den meisten Fernbedienungen kann man unter "Ratio" die verschiedenen Formate durchprobieren, bis es passt.

Im Zweifel kann man auf Plattformen wie IMDB nachsehen, welches Bildformat ein Film eigentlich haben sollte. Bei manchen Geräten, iPads zum Beispiel, kann man auch zoomen, um die schwarzen Balken kleiner zu machen. Dabei wird aber einfach nur das Bild links und rechts abgeschnitten. Auch das wird dem Film nicht wirklich gerecht und simuliert nur eine bessere Ausnutzung des Bildschirms.

Die Geräteentwickler selbst haben offenbar kein Interesse an der korrekten Darstellung von Filmen. Für den Verkauf sind die hohen Hertz-Zahlen und möglichst gut klingende Features wie "Trumotion" wichtiger. Was der Zuschauer mit dem Gerät macht, wenn er es erst einmal gekauft hat, ist seine Sache. Das Zusammentreffen von bald 100 Jahre alter Filmtechnologie und immer neuen Abspielgeräten sorgt dafür, dass der Zuschauer selbst zum Vorführer wird, der dafür sorgen muss, dass Filme so dargestellt werden, wie sie gedacht sind - und nicht so, wie es in die Produktpaletten der Unternehmen passt.