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WDR-Intendant Tom Buhrow:Bye bye, Komfortzone

Tom Buhrow

Tom Buhrow, Intendant des WDR, hatte in der Vergangenheit schon vergnüglichere Jobs.

(Foto: WDR/Herby Sachs)
  • WDR-Intendant Tom Buhrow inszeniert sich gerne als Kommunikator und Friedensbringer in Zeiten von "Me Too" und Budgetkürzungen beim Rundfunk.
  • In der Debatte um das Kinderchor-Lied trat er nun etwas pathetisch auf, was auch seinen Jahren als Washington-Korrespondent geschuldet sein dürfte.

Von Hans Hoff

Tom Buhrow hat derzeit die Rolle des obersten Krisenmanagers in der für alle Seiten leidvollen Geschichte um das Kinderchorlied, das einer fiktiven Großmutter mangelndes Umweltbewusstsein attestierte. Wenn man den WDR-Chef beschreiben will, fällt einem zuerst ein: Buhrow kann gut mit Menschen. Er verfügt über die Gabe, jedem Gesprächspartner sofort das Gefühl zu vermitteln, er habe schon den ganzen Tag auf just diese Begegnung gewartet. Gerne verkauft er diese Herzlichkeit als Teil seiner rheinischen Natur.

Die hat dem gebürtigen Troisdorfer dieses gewisse Grundlächeln ins Gesicht geschrieben, das ihn schon begleitete, als er 1985 sein Volontariat im WDR begann, als er die Aktuelle Stunde im Dritten ansagte und nach einer Zwischenstation als Tagesschau-Redakteur 1994 zum Korrespondenten in Washington und bald zum Studioleiter aufstieg. Die Art der Menschen dort drüben, die demonstrative Begeisterung für das Gegenüber, hinter der nicht immer wirkliches Interesse steckt, passte zu ihm, weil er gut damit umgehen konnte. Zudem ist Buhrow Bob Dylan als Fan mindestens so verbunden wie den Rolling Stones, über deren Werk man mit ihm problemlos Stunden fachsimpeln könnte.

Da bedurfte es schon des Angebots, die Tagesthemen moderieren zu dürfen, um ihn 2006 zurück nach Europa zu holen. Als Nachfolger des großen Ulrich Wickert tat er sich ein wenig schwer. Das lag weniger an mangelndem Einsatz als vielmehr an der Tatsache, dass sich die Zuschauer schwertaten, einem Leichtfuß wie ihm die ganz ernsten Themen abzukaufen.

Natürlich würzte er dann 2013 auch seinen Einstand als WDR-Intendant mit einer Prise Pop. "Ich bring die Liebe mit", trompetete er hinaus und gab den Optimisten. Schon kurz nach Amtsantritt zog Buhrow eine ernüchternde Bilanz. Mehr als 500 Stellen müssten über die nächsten Jahre im WDR abgebaut werden, wolle man nicht in ein Milliardenminus steuern. Inzwischen ist deutlich, dass die Kürzungen damit noch kein Ende haben werden.

Erschwerend kam 2018 hinzu, dass im WDR etliche Fälle sexueller Belästigung publik wurden. Für Buhrow war diese Krise auch eine Chance. Endlich stand nicht mehr im Mittelpunkt, dass es nach Zahlen sehr düster aussieht, endlich konnte er seine Fähigkeiten als Kommunikator ausspielen. Er kündigte Veränderungen an und ließ in einigen Fällen hart durchgreifen.

Wirklichen Frieden hat das nicht in den WDR gebracht. Längst sind die Zeiten vorbei, da sich Redakteure freuten, als der Chef unangekündigt in ihrem Büro stand und sich für ihre Arbeit interessierte. Inzwischen ist der Liebesmitbringer für die meisten Mitarbeiter weitgehend unsichtbar geworden. Auch äußerlich haben ihn die WDR-Jahre mitgenommen, der Tom Buhrow von heute unterscheidet sich deutlich vom Sunnyboy, den er so gerne gab.

Dass er sich nun telefonisch in einer Sendung zur Aufarbeitung des Oma-Problems meldete und sich für das Lied entschuldigte, war die eine Seite der Medaille. Auf der anderen musste er unbedingt mitteilen, dass er sich vom Krankenbett seines 92-jährigen Vaters melde, der sein Leben lang hart gearbeitet und keineswegs fahrlässig der Umwelt geschadet habe. Das geriet eine Spur zu pathetisch, zu inszeniert, zu amerikanisch vielleicht. Was blieb, ist die Gewissheit, dass es momentan bestimmt kein Vergnügen ist, WDR-Intendant zu sein.

© SZ vom 31.12.2019/tmh
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