bedeckt München 27°

"Töte zuerst" auf Arte:"Der Film wird zum Problem"

Mehr als alles andere aber spürt man die Ratlosigkeit, die sich bis zur bitteren Abscheu steigern kann. "Es gibt keine Strategie, nur Taktik", klagt der alte Avraham Schalom in der Doku, vor dem früher nicht nur der Feind erzitterte, sondern auch die eigenen Leute. Er klagt gar über eine "brutale Besatzungsarmee, die den deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg ähnelt" - und er weiß, das dies für einen Juden, der 1928 in Wien geboren wurde und mit der Familie vor den Nazis fliehen musste, ein fast unerhörter Vergleich ist.

Frei von Schuld ist auch er selbst nicht geblieben. Seinen Posten musste er 1986 nach einem Skandal räumen, bei dem es um einen amtlichen Lynchmord ging. Vier Palästinenser hatten in Tel Aviv einen Bus der Linie 300 entführt. Bei der Erstürmung wurden zwei der Terroristen erschossen, zwei gefangen genommen - am nächsten Morgen jedoch wurde der Tod von allen vieren vermeldet. Zwei waren im Gewahrsam des Schin Bet getötet worden, und Schalom hatte den Befehl gegeben, "den Job zu erledigen".

"Die schwierigsten Momente für mich"

Bedauern zeigt er nicht, nur Ärger über die Medien, die die Geschichte aufbrachten, und über die Politiker, die ihn fallen ließen. "Und die Moral?", fragt die Stimme von Dror Moreh aus dem Off. "Wenn es um Terror geht, gibt es keine Moral", antwortet Schalom.

"Das waren die schwierigsten Momente für mich, wenn ich sie mit der moralischen Frage konfrontierte", sagt Moreh, "aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie versuchen, sich weißzuwaschen." Tatsächlich entwickelt der 51-Jährige in seinen Interviews, die mit faszinierendem Archivmaterial sowie nachgedrehten Filmszenen unterlegt werden, eine spezielle Atmosphäre, in der jenseits wohlfeiler Entrüstung oder dem Zwang zur Rechtfertigung über die Arbeit des Schin Bet gesprochen wird. Die Geheimdienst-Chefs geben dabei Einblick in eine sehr spezifische Form der Verantwortungsethik, in der jeder Wert einen Preis hat - und dieser Preis ist zumeist in Menschenleben zu beziffern.

"Ich bewundere ihre Ehrlichkeit", sagt Moreh über seine Protagonisten - und auch im Nachhinein hat er sich auf ihre Aufrichtigkeit verlassen können. Als aus der israelischen Regierung heraus versucht wurde, seinen Film als zugespitztes Machwerk abzuwerten, da standen die sechs ehemaligen Geheimdienstchefs wie ein Mann hinter ihm. Rückenwind bekommt er zudem durch das große internationale Echo. "Für die Regierung in Israel wird der Film zum Problem", glaubt Dror Moreh. Schließlich könne sie es "nicht einfach wegwischen", wenn alle noch lebenden Ex-Geheimdienstchefs ihre verfehlte Politik anprangern und zu einem Friedensschluss mit den Palästinensern aufrufen.

Premierminister Benjamin Netanjahu hat allerdings über einen Sprecher ausrichten lassen, dass er nicht beabsichtige, die Dokumentation anzuschauen. "Das sagt nichts aus über den Film", meint Moreh - "aber sehr viel über Netanjahu."

Töte zuerst , Arte, 20:15 Uhr und ARD, 6. März, 22:45 Uhr.