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Medien:Die ethische Last journalistischer Arbeit

Was zerrt man ins Licht, was belässt man im Dunkeln?

(Foto: Tom Barrett/Unsplash)

Der Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst geht alle Medienschaffenden an - und fordert alle heraus.

Manchmal ist es genauso falsch, über etwas zu schreiben, wie nicht darüber zu schreiben. Wie lange man die Gründe dafür oder dagegen abwägt, nichts scheint richtig zu sein. Es ist wie mit der Bettdecke, die zu kurz ist: Wie man auch an ihr zieht und rupft, immer bleibt irgendetwas kalt.

Es ist das, was Aristoteles in der "Topik" die Gleichheit entgegengesetzter Überlegungen, oder: eine Aporie, nannte: "Immer wenn wir zu beiden Seiten hin überlegen und uns dann alles auf ähnliche Weise gemäß jeder der beiden Möglichkeiten zustande zu kommen scheint, sind wir ratlos, was von beidem wir tun sollen." Über den Freitod eines Menschen zu schreiben oder nicht zu schreiben, ist eine solche Aporie. Man fühlt sich elend, ganz gleich, was man tut.

Alles in mir widerstrebt, über eine Person zu schreiben, der ich nie begegnet bin, deren Leben ich so wenig beurteilen möchte wie deren Sterben. Eine Person wie Marie Sophie Hingst, über die ich nur weiß, was andere über sie geschrieben haben, und deren Texte, die mal als literarisch, mal als autobiografisch, mal als dokumentarisch behauptet wurden, nur rätselhafte Spuren hinterlegt haben. Es ist nicht endgültig bestätigt, aber die Umstände ihres Todes deuten auf Suizid hin. Da ist zum einen also mein Respekt vor dem, was ich nicht weiß, der mich zurückhält. Zum anderen auch das, was einmal Pietät genannt wurde, die Rücksichtnahme auf die, die um ihre Tochter oder Freundin trauern, die hadern mit diesem Tod, und die nichts weniger brauchen als herzenskalte Analysen eines spekulativen Warum. "Wo immer der Suizid als ein objektives Faktum betrachtet wird, als gehe es um Galaxien oder Elementarpartikel", schrieb Jean Améry in "Hand an sich legen", "entfernt der Betrachter (...) desto weiter sich vom Freitod."

Da braucht es nicht noch eine öffentliche Arena

Alle, die einmal jemanden verloren haben, der sich das Leben genommen hat, und ich gehöre dazu, kennen die peinigenden Fragen, die Angehörige und Freunde danach bedrängen: Hätte ich es ahnen müssen? Hätte ich es verhindern können? Warum war ich ihm oder ihr nicht genug? Das Amalgam aus Nicht-Verstehen und Selbstvorwürfen ist quälend genug. Da braucht es nicht noch eine öffentliche Arena, in der Schuld von Außenstehenden zu- oder abgewiesen wird wie ein lästiges Insekt.

Aber: nicht über den Tod der jungen Historikerin und Bloggerin Marie Sophie Hingst zu schreiben, deren Texte kurz zuvor durch einen Bericht des Spiegel entlarvt worden waren als Collagen aus Fiktion und (Selbst-)Täuschung, ist auch undenkbar. Als Journalistin nicht zu reflektieren über die Frage, über was es zu schreiben oder nicht zu schreiben gilt, das wäre auch unrecht. So zu tun, als ginge uns dieser Tod nichts an, als forderte er uns nicht alle heraus, das wäre allzu zynisch und bequem. Sie steht ja im Raum, die Frage: Ob es unlauter war, eine Person zu konfrontieren mit ihren Lügen, jemandem die Identität(en) zu entziehen, die sie sich selbst erschaffen hatte - und sie möglicherweise dadurch bedenklich zu destabilisieren.

Anmerkung der Redaktion

Wenn Sie verzweifelt sind und Hilfe brauchen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

In Wahrheit sind dies Fragen, die wir uns dauernd stellen müssen, nicht nur im Fall einer mutmaßlich psychisch fragilen Person. Sondern immer. Die Entscheidung, was relevant ist, was nicht, wie scharf kritisiert werden darf oder muss, was unerwähnt bleiben darf oder muss, welcher Blick aufklärerisch, welcher bloß obszön ist, welche Urteile sich noch auf die Handlungen einer Person (oder Institution) beziehen und welche allein ihre Persönlichkeit, ihren Körper, ihr Äußeres denunzieren?

Alle, die ihre Aufgabe ernst nehmen, wissen um die ethische Last dieser Fragen. Es geht nicht so sehr um die Fehler, die jedem von uns dabei unterlaufen können: dass wir jemandem glauben, dem oder der wir nicht glauben sollten oder, womöglich schlimmer, jemandem nicht glauben, dem oder der wir hätten glauben müssen. Es geht nicht so sehr um die Irrtümer, die uns allen widerfahren: dass wir etwas anders erinnern, als es geschehen ist. Sondern darum: was das, was wir schreiben oder nicht schreiben, auslöst. Bei denen, die wir in den Fokus stellen und ins Licht zerren oder bei denen, die wir permanent übersehen, als ob es sie nicht gäbe und die im Dunkeln bleiben.

Auch ich hätte geschrieben über die Täuschungen

Der Kollege der Irish Times, Derek Scully, der eine anscheinend so verwirrte wie verwirrende Marie Sophie Hingst nach der Spiegel-Veröffentlichung in Berlin zum Gespräch traf, entschied sich, nicht über sie zu schreiben. Sein einfühlsames Nachdenken über diese junge Frau, die mehrere Figuren und Lebensgeschichten in sich zu bergen schien, sein Bemühen, mit Angehörigen und Psychologen über sie zu sprechen, sind beeindruckend. Aber zu diesem Zeitpunkt nicht über sie zu schreiben, war keine schwere Entscheidung. Da waren ihre Erfindungen schon enttarnt. Die eigentliche Schwelle ist die, ob diese Enttarnung zwingend war oder ob auf sie hätte verzichtet werden müssen, weil hier ein Mensch als womöglich krank hätte erkannt werden können.

Ich weiß nicht, ob ich die Not des Gegenübers erkannt hätte, ich weiß nicht, ob ich versucht hätte zu helfen, wenn ich sie erkannt hätte. Ich hoffe es. Aber ich weiß, dass ich mich auch in der Verantwortung gegenüber den echten Toten und Überlebenden der Schoah begriffen hätte, deren Geschichte sich niemand aneignen darf, als sei es ein Accessoire. Und ich weiß um alle die antisemitischen Revisionisten, die immer noch und immer wieder versuchen, die Tatsache von Auschwitz zu bestreiten, ich weiß, wie sehr erfundene Opfergeschichten denen nutzen, die allzugern behaupten, die Verbrechen der Nationalsozialisten habe es nie gegeben. Ich weiß, dass die Erinnerung an die Wahrheit und der Widerspruch gegen das Leugnen zu dem gehört, was mir aufgetragen ist.

So furchtbar es ist, es lässt sich beides denken: Auch ich hätte geschrieben über die Täuschungen, weil wir das den Angehörigen der Opfer der Schoah schuldig sind. Und gleichzeitig wünschte ich wie alle anderen, es hätte verhindert werden können, dass ein junger Mensch aus dem Leben geht.

Kolumne von Carolin Emcke

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, ist Autorin und Publizistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Alle Kolumnen von ihr lesen Sie hier.