Süddeutsche Zeitung

Tipps:Die Serien des Monats

So viel Zeit daheim, so viel Zeit zum Schauen. Nur was? Die Serien-Empfehlungen aus der SZ-Redaktion im April.

Von SZ-Autoren

Warten auf'n Bus

Was passiert: An einer Bushaltestelle im Brandenburgischen sitzen Hannes und Ralle (Roland Zehrfeld und Felix Kramer), womöglich ist genau das hier das Ende, wenn nicht sogar der Arsch der Welt. Aber die beiden reden über dies und das, und sie reden so, als stünde zwei, drei Äcker weiter das Tor zur Welt, sie müssen es nur finden. Sie sind ohne Job, aber sie sind trotzdem eher warm als bitter, eher Dittsche als Motzki.

Heimlicher Star: Drehbuchautor Oliver Bukowski, seine Dialoge im Berliner Sound klingen echt und dicht, da bleibt beim Austausch all der Lebensweisheiten trotzdem kein Wort zu viel in der Brachlandschaft stehen. Vorsicht: Wer die acht Folgen hintereinander schaut, spricht selber so.

Nicht geeignet für: Sarkasten. Hannes und Ralle kümmern sich umeinander, auch wenn's hart wird: "Fahrradfahrn verlernt man nich, wa? Aber du schaffst dit." Holger Gertz

Zu sehen in der ARD-Mediathek, acht Folgen

Mapa

Was passiert: Gerade noch wollte Metin (Max Mauff) mit seiner Frau und dem Baby durchstarten, da stirbt die Frau, plötzlich, einfach so. Sie hinterlässt einen allein erziehenden und dauertrauernden Vater, der von allem überfordert scheint, vom Beruf, von den Freunden, von der eigenen Mutter. In sechs Folgen, die treffend als Sadcom angekündigt werden, sucht Metin sein verlorenes Lachen.

Heimlicher Star: Eine Klobürste, die dem Baby als Einschlafhilfe dient und um die herum vielerlei komische Situationen gestrickt werden, die beweisen, dass auch das schlimmste Schicksal ab und zu Lust auf eine Portion Humor hat.

Nicht geeignet für: Alle, die keinen Hang zur feinen Melancholie haben und Pickel bekommen, wenn sich eine Serie wie ein guter Coldplay-Song ("Fix You") anfühlt. Hans Hoff

Zu sehen bei Joyn, sechs Folgen

After Life

Was passiert: Tony (Ricky Gervais) hat den Krebstod seiner Lebensliebe Lisa noch immer nicht überwunden. Seine Abende bestreitet er mit Rotwein und Schlaftabletten, den Alltag als Lokaljournalist mit Texten über sonderbare Menschen wie den sehschwachen Alten im Park, der seine Briefe jahrelang versehentlich in die rote Box für den Hundekot eingeworfen hat und deswegen jetzt will, dass in der Zeitung über ihn geschrieben wird. Schmerz und Selbstmitleid machen Tony zu einem Hemmungslosen unter lauter Gehemmten und das Glück der zweiten Staffel ist, dass er diese Superkraft zunehmend einsetzt, um Gutes zu stiften.

Heimlicher Star: Die Kleinstadt. Es gibt eigentlich alles, aber davon nicht zu viel. Als Zuschauer erlebt man eine Übersichtlichkeit, die nur dann beengend wäre, müsste man speziell dieser Kleinstadt nicht nur zuschauen, sondern in ihr leben.

Nicht geeignet für: Monokulturelle, die den Humorkünstler Gervais nur für seine gelegentliche Erbarmungslosigkeit schätzen. In After Life ist er empfindsam, ja, sogar rührselig. Cornelius Pollmer

Zu sehen bei Netflix, sechs Folgen

Run

Was passiert: Ruby (Merritt Wever) sitzt, angemessen frustriert von ihrem Leben, im Auto und starrt vor sich hin, als eine SMS eintrifft. "Run" steht da, "Run" schreibt sie zurück. Sie hetzt los und nimmt den nächsten Flieger nach New York, um dort in einem Zug Billy (Domhnall Gleeson) zu treffen. Jenen frustrierten Billy, mit dem sie vor 15 Jahren einen Jugendliebe-Pakt geschlossen hat. Dieser Pakt wird ihnen dann in sieben Folgen passiv-aggressiv um die Ohren gehauen, und das ist sehr lustig anzusehen.

Heimlicher Star: Eine Phoebe Waller-Bridge kann natürlich nur bedingt heimlich agieren, in Run hat sie aber einen kleinen Gastauftritt als Tierpräparatorin. Sie ist auch Mitproduzentin der HBO-Serie.

Nicht geeignet für: Freunde des straighten Liebesfilms. Auf ihrer Flucht werden Ruby und Billy ein ausgeprägtes Stockholm-Syndrom entwickeln und einander auch ihre hässlichen Seiten zeigen. Friederike Zoe Grasshoff

Zu sehen bei Sky, wöchentlich neue Folgen

Das Boot

Was passiert: In der zweiten Staffel der Prestigeserie jagt ein deutsches U-Boot ein anderes, weil dessen "Kapteen" (ein immer leicht irr stierender Clemens Schick) zu den Amerikanern überlaufen will. Derweil bandelt der schiffbrüchige Kapitän, der in der ersten Staffel weggemeutert wurde (Rick Okon), in New York mit einer Jazzsängerin an.

Heimlicher Star: Der Jazz. Unter Wasser wie an Land lassen sich die eigentlich netten deutschen Soldaten von den richtigen Nazis mit der einfachen Frage unterscheiden, ob sie Louis Armstrong mögen oder nicht.

Nicht geeignet für: Indie-Fans. Diese Serie bleibt ein perfekt inszeniertes, windschnittiges High-End-Profi-Produkt für den internationalen Markt. Kathleen Hildebrand

Zu sehen bei Sky, acht Folgen

Aus der Spur

Was passiert: Alain Delambre (Éric Cantona) wird zum berühmtesten Arbeitslosen Frankreichs. Und damit zu einem Helden, obwohl er eine schwere Straftat begeht - denn die Franzosen lieben Rebellen, die sich gegen die Gängelung durch das Establishment und den Zynismus der Institutionen hemdsärmelig zur Wehr setzen. Das macht seine Situation jedoch nicht einfacher. Denn weder Delambres Familie noch der Konzern, den er bloßstellt, und auch nicht die Justiz stehen auf diese Art Helden.

Heimlicher Star: Charles Bresson (Gustave Kervern), wie sein Freund Delambre hochqualifiziert und wegen seines Alters dennoch chancenlos auf dem Arbeitsmarkt. Zeigt allen, was er immer noch draufhat als Programmierer.

Nicht geeignet für: Menschen, die den Neoliberalismus nach wie vor für eine blendende Idee halten. Stefan Fischer

Zu sehen in der Arte-Mediathek, sechs Folgen

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SZ vom 29.04.2020
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