Tippen statt reden:Schweigen als Show

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Tippen statt reden: Getippter Talk: Erstaunlich ist, wie langsam Medienprofis am Handy sind.

Getippter Talk: Erstaunlich ist, wie langsam Medienprofis am Handy sind.

(Foto: NRWision)

Eine Talk-Show nur per Whatsapp: ein verstörendes TV-Experiment von Dortmunder Studenten.

Von Hans Hoff

Die Vorstellung, dass im Fernsehen in einer Talkshow eine Stunde lang nicht geredet wird, klingt verführerisch. Endlich einmal Stille. Endlich mal niemand, der mit hochrotem Gesicht "Lassen Sie mich ausreden" zetert. Schluss mit dem Kasperletheater. Im Ansatz gab es das schon 1999. Da ließ WDR-Redakteur Klaus Michael Heinz in Zusammenarbeit mit dem Kunsthochschulabsolventen Uli Wilkes sieben Talkmoderatoren eine halbe Stunde lang schweigen. Vor der Kamera. "No Talk" hieß die Sendung, die einigermaßen verwirrend daherkam, den Machern aber immerhin eine Nominierung für den Grimmepreis einbrachte.

Nun sind es wieder Studenten, die das Schweigen vor der Kamera ausprobieren wollen, in einer der Zeit angepassten Form. In Whatsup? lassen Journalistik-Studenten der Uni Dortmund vier Teilnehmer und einen Moderator in einer klassischen Talkshow-Kulisse eine komplette Stunde schweigen, dabei aber über den Kurznachrichtendienst Whatsapp kommunizieren. Wer etwas zu sagen hat, muss es über die Tastatur seines Smartphones ausdrücken.

Realisiert wurde das Ende Januar aufgezeichnete Experiment auf NRWision, einem Lernsender der Uni Dortmund, der vor allem von der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien finanziert wird. Verantwortlich für das Schweigeprojekt zeichnet Redaktionsleiter Stefan Malter, der Grenzen überschreiten kann, die klassische Fernsehsender niemals antasten würden. "Wir müssen nicht nachspielen, was die anderen Sender vormachen", erklärt er die Freiheit der Studenten. In der Lernatmosphäre einer Uni ist eben auch möglich, was andernorts als zu spinnert in der Tonne landen würde, wenngleich schon Wert auf eine gewisse Parallelität gelegt wird. "Uns war wichtig, dass das wie eine klassische Talk-Show aussieht", sagt er, weil es ja eben nicht nur um das Schweigen geht, sondern vor allem um das, was dadurch über das alltäglich auf dem Bildschirm zu ertragende Geplärre erzählt wird.

Es ist tatsächlich still, wenn die Fünf da auf dem Podium sitzen. Mal raschelt die Kleidung, aber mehr ist da nicht, was mehrfach zu der irrtümlichen Annahme führt, man sehe ein Standbild. "Läuft es noch?" und "Ist die Verbindung abgebrochen?" seien Fragen gewesen, die während der Aufzeichnung in der Regie gestellt wurden, berichtet Chefredakteur Malter.

Bei "Whatsup?" wirken alle wie eingefroren, ein Gegenschnitt zum ewigen Talkshow-Geplapper

Insbesondere in Phasen, in denen alle Talkshowteilnehmer eifrig damit beschäftigt sind, ihrem Smartphone den nächsten Beitrag anzuvertrauen, wird es beim Anschauen schnell quälend, und man lernt als Betrachter rasch, wie sehr man sich schon gewöhnt hat an den schnellen Austausch von Floskeln und Leerformeln gewöhnlicher Talkshows - Hauptsache, jemand sagt was.

Bei Whatsup? wirken die Menschen dagegen wie eingefroren. Aber dann sind da immer wieder diese Benachrichtigungstöne, die klingen wie Tropfen, die auf eine Wasseroberfläche prallen, mal leise und zart, wenn ein neuer Beitrag des Moderators eingeht, mal erschreckend laut, wenn ein neuer Teilnehmerbeitrag aufpoppt. Weil es rundherum so still ist, entfalten die akustischen Alarmtropfen eine Wirkung wie kleine Explosionen, und wenn gleich mehrere hintereinander eintreffen, ist die Grenze zur von Karl May bekanntgemachten Tröpfchenfolter in Hörweite.

Anspannung entsteht schon dadurch, dass man darauf wartet, dass die am Bildschirmrand aufgelisteten Chatbeiträge um ein neues Argument bereichert werden: Wie kann es sein, dass Menschen, die professionell mit Medien zu tun haben, so langsam tippen? Jedes Kind in der U-Bahn schafft das mit rasanter Doppeldaumendynamik schneller. Warum können das diese Experten für Sprache, Medien, Wissenschaft und Social-Media-Belange der "Heute Show" nicht schneller? Die Ungeduld wird auch vom Inhalt nicht befriedigend gestillt. Im getippten Austausch geht es darum, wie soziale Medien das Leben beeinflussen, wann man das Handy mal unbeachtet lässt, wie schnell man antworten muss, wofür Emojis stehen und ob Sprache unter der schnellen Kommunikation leidet.

Im realen Gespräch hätte die Runde die Themen wohl innerhalb von zehn Minuten durchgehechelt, und möglicherweise wäre das Gefühl geblieben, es sei Gewichtiges gesagt worden. Im Chat aber steht jeder Gesprächsbeitrag sehr lange auf dem Bildschirm, bis er von neuen Argumenten aus dem Sichtfeld gedrängt wird. Da wird dann rasch deutlich, dass manches einfach so dahin getippt wurde. Im Schriftbild entlarvt sich halt schneller, wenn es in Wahrheit nichts zu sagen gibt. Auch das hastige Durcheinanderreden und das rotköpfige Echauffieren entfallen. Hier kann niemand brüllen, und ein empörtes "Lassen Sie mich gefälligst austippen" fehlt völlig.

Am Schluss der Stunde, die nach der Premiere an diesem Donnerstag bei www.nrwision.de (21 Uhr) auch in der zugehörigen Mediathek abzurufen ist, dürfen alle Smartphonediskutanten dann doch noch kurz reden und sagen, wie sie das fanden mit dieser Form der gehemmten Kommunikation. "Man kann nicht so interagieren, wie man es gewohnt ist", sagt ein Teilnehmer. Schaut man danach wieder eine Talkshow im Normalprogramm, wo der Inhalt nach ausgiebiger Plapperei viel zu oft mit demselben Nullergebnis auskommen muss, ist man im Nachhinein dann trotz quälender Warterei doch noch ganz dankbar fürs Schweigen.

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