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Social Media:Der Hilferuf

Die ägyptischen Influencerinnen Haneen Hossam und Mawada al-Adham erklärten ihren Followern, wie man mit etwas Karaoke und Schminken im Netz Geld verdient.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

Ein ägyptisches Gericht verhängt drakonische Strafen gegen die Frauen. Eine von ihnen fleht nun in einem Video um Gnade.

Von Moritz Baumstieger

Das erste Urteil fiel im Juli 2020, es löste weltweit Kopfschütteln bis Empörung aus: Mehreren jungen Frauen waren da in Kairo Haftstrafen von bis zu drei Jahren auferlegt worden und dazu Geldbußen, die auch Angehörige der Mittelschicht ruinieren könnten. Ihr angebliches Vergehen: ein wenig Karaoke, ein bisschen Tanzen, ein bisschen Schminken, mit der Handykamera gefilmt und in kurzen Clips ins Netz gestellt. Das, was viele junge Frauen weltweit eben so machen, die von einer Karriere als Influencerin träumen.

Mawada al-Adham und Haneen Hossam träumten nicht nur, sie hatten schon Millionen Follower auf Tiktok. Und sie verdienten bereits mit ihren Posts - auch, weil eine weitere Plattform aus China sie anwarb, Likee. Wie man bei diesem Netzwerk mit Streamings Geld verdienen kann, verrieten die beiden in kurzen Beiträgen ihren Followern - was die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief. Sie klagte die beiden neben weiteren Influencerinnen und einigen Likee-Mitarbeitern wegen angeblicher "Verletzung von Familienwerten und -prinzipen" an, die besagten Videos verstanden die Juristen als Aufruf zur Prostitution. Dabei sind die beiden heute 20 und 23 Jahre alten Frauen in ihren Videos nicht mal besonders freizügig unterwegs, Hossam trägt zwar teils engere Kleidung und knallroten Lippenstift, aber auch stets ein Kopftuch. Nackte Haut oder Anzügliches: gibt es nicht.

Die Urteile gründen auf Recht, das die Regierung Sisi erlassen hat, die bei den Konservativen punkten will

Drakonische Strafen für Vergehen, die man nur mit viel bösem Willen überhaupt solche nennen kann: Der Beifall war groß, als ein Berufungsgericht die Urteile im Januar dieses Jahres kassierte. Dass sich bald schon Staatsanwälte um eine Wiederaufnahme des Falles bemühten, ging in der allgemeinen Erleichterung unter. Am vergangenen Sonntag nun sind diese neuerlichen Prozesse gegen Hossam und al-Adhan zu Ende gegangen - mit Urteilen, die noch viel weiter gehen als die ersten: Sechs und zehn Jahre sollen die beiden nun in Haft und immerhin noch je 13 000 Euro Strafe zahlen, die Anklage lautete nun auf Menschenhandel. Haneen Hossam, die nach der erneuten Anklage untergetaucht war, wurde am Dienstag aufgespürt. Kurz vor ihrer Festnahme flehte sie Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi in einem tränenreichen Video um Gnade an.

Dass der Haneen Hossam erhören wird, ist eher unwahrscheinlich - die Urteile gründen auf Recht, das seine Regierung erlassen hat. Seit drei Jahren gilt in Ägypten ein Internetgesetz, das nicht nur jedem Privataccount mit einer gewissen Zahl von Followern die selben Regeln auferlegt wie Presseorganen, sondern auch den schwammigen Straftatbestand der Gefährdung der ägyptischen Familie kennt. Al-Sisi will damit beim konservativen Teil der Gesellschaft punkten, der früher vielleicht den Muslimbrüdern zuneigte. Die Gesellschaftspolitik des säkular auftretenden Sisi-Regimes wird deutlich rigider.

© SZ/hy
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